Deutschland Spionage-Weltmeister
Samstag, 7. März 2009-11:04 -|-Thema: Mehr als Worte
GELSDORF (Eigener Bericht) – Nach der Inbetriebnahme ihres neuen Spionagesatellitensystems feiert die Bundeswehr ihre erweiterte Fähigkeit zu eigenständigen Militäroperationen. Das System SAR-Lupe, das Ende 2008 den Vollbetrieb aufgenommen hat, katapultiere die Streitkräfte in der radargestützten Aufklärung an die Weltspitze, erklärt ein hochrangiger Militär.
Damit stehe Berlin "ein Instrument zur Verfügung", mit dem man jetzt "aus eigenem politischen Antrieb exklusiv und weltweit unabhängige Daten ermitteln" könne. Mit den neuen Aufklärungs-fähigkeiten sei die militärpolitische "Abhängigkeit von anderen Nationen" stark gesunken. Beim Aufbau des Satellitensystems, das Abkopplungstendenzen gegenüber Washington begünstigt, hat Moskau maßgebliche Unterstützung geleistet. Die Spionagesatelliten stehen nicht nur der Bundeswehr zur Verfügung, sondern auch dem Auslandsgeheimdienst. Auf die Radarbilder, die unabhängig von Wetter und Tageszeit erstellt werden können, erhält zudem das Bundeskriminalamt Zugriff.
Berlin-Moskau
Der Aufbau des deutschen Spionagesatellitensystems im Weltall ist durch eine "Weltraumpartnerschaft" mit Russland ermöglicht worden. Moskau stellte Berlin technologische Hilfe beim Aufbau des deutschen Systems zur Verfügung und intensivierte dabei trotz der Proteste von Nachbarstaaten, insbesondere Polen, seine Zusammenarbeit mit den deutschen Streitkräften.[1] Im Jahr 2002 schloss Deutschland die Arbeiten an dem neuen Spionagesatellitentyp SAR-Lupe ab, 2003 ging der russische Rüstungsexporteur Rosoboronexport eine vertragliche Verpflichtung ein, insgesamt fünf deutsche Satelliten ins All zu bringen. Im Dezember 2006 wurde der erste Aufklärungssatellit der Bundeswehr vom Weltraumbahnhof Plessezk südlich von Archangelsk mit einer russischen Trägerrakete in einen erdnahen Orbit von rund 500 Kilometern Höhe verbracht.[2] In den nächsten Monaten wurden vier weitere Satelliten an Bord russischer Trägerraketen ins All geschickt; der letzte wurde Ende Juli 2008 in Betrieb genommen.[3] Er komplettierte das erste satellitengestützte Aufklärungssystem Deutschlands, das aus den fünf baugleichen Kleinsatelliten und einer Bodenanlage zur Satellitenkontrolle, zum Empfang und zur Verarbeitung der Bilddaten besteht.
Nahaufnahmen weltweit
Das SAR-Lupe-System erlaubt es der Bundeswehr laut eigenen Angaben, raumgestützt Informationen höchster Qualität von fast jedem Ort der Welt zu gewinnen – bei jedem Wetter, rund um die Uhr und "ohne körperlich in das Hoheitsgebiet anderer Staaten eindringen zu müssen".[4] Möglich wird dies durch eine spezielle Radartechnologie (SAR: Synthetic Aperture Radar, Radar mit synthetischer Bündelbreite), die hochauflösende Bilder erstellt – und zwar im Unterschied zu herkömmlichen optischen Systemen unabhängig von Umweltbedingungen und Lichtverhältnissen. Während der Satellit um die Erde rast, sendet und empfängt er Tausende Radiowellen, die ein Objekt aus verschiedenen Blickwinkeln abtasten und so ein Bild ergeben. Das Beiwort "Lupe" erhielt das System, weil es nicht nur Weitwinkelaufnahmen herstellen kann, sondern auch Nahaufnahmen – ganz wie durch eine Lupe. Die Auflösung liegt bei unter einem Meter; damit können auch sehr kleine Objekte präzise erkannt werden. Ergänzend findet im Rahmen des geplanten europäischen Aufklärungsverbunds bereits ein Bildaustausch mit dem französisch geführten Satellitensystem Helios II statt, das mit optischer Technologie aufklärt. Radarbilder und Fotografien ergänzen sich: Radar bietet Unabhängigkeit von Wetter und Tageszeit; optische Sensoren liefern anschaulichere Bilder.
Spitze
Mit dem neuen Spionagesatellitensystem betreibt Deutschland als drittes Land der Erde (nach den USA und Russland) eine eigen-ständige Radaraufklärung aus dem Weltraum. Militärpolitisch bringe dies Deutschland in der satellitengestützten Aufklärung auf "Augenhöhe" mit anderen Staaten, im Radarbereich sogar in die Spitzenposition, erklärt der Stellvertreter des Bundeswehr-Generalinspekteurs, Vizeadmiral Wolfram Kühn.[5] Seitens der Rüstungsindustrie ergänzt Manfred Fuchs, Vorstandsvorsitzender des für das Projekt verantwortlichen Bremer Raumfahrtunter-nehmens OHB-System AG: "Deutschland ist Weltmeister. Es gibt kein vergleichbares System". Dank SAR-Lupe stünden Politik und Militär nicht länger in "Abhängigkeit von anderen Nationen", heißt es bei der Bundeswehr: "Mit einem solchen Radarsystem steht uns ein Instrument zur Verfügung, mit dem wir aus eigenem politischen Antrieb exklusiv und weltweit unabhängige Daten ermitteln können, wann immer wir sie benötigen."[6]
Abkopplung
Dies begünstigt vor allem Abkopplungstendenzen gegenüber Washington. Schon anlässlich der Entwicklung des europäischen Satellitennavigationssystems Galileo hatte Berlin erklärt, dieses solle militärische "Handlungsfreiheit" sichern sowie die EU von US-Technologie unabhängig machen. Auch hierbei wurde eine Zusammenarbeit mit Russland angestrebt.[7] Schließlich soll auch das satellitengestützte Erderkundungsprogramm GMES (Global Monitoring for Environment and Security), das unter Berliner Führung aufgebaut wird und als "Flaggschiff" künftiger EU-Raumfahrtaktivitäten gilt, militärisch genutzt werden und dem deutschen EU-Kommissar Günter Verheugen zufolge Europa zur "Weltraummacht" transformieren.[8]
In Betrieb
Für den Betrieb des SAR-Lupe-Systems hat die Bundeswehr im Kommando Strategische Aufklärung, einem integralen Bestandteil des militärischen Nachrichtenwesens, die neue Abteilung "Satellitengestützte Aufklärung" (SGA) aufgestellt. Die Bodenstation befindet sich in Gelsdorf bei Bonn; dort werden die Satelliten kontrolliert sowie gesendete Daten empfangen und ausgewertet. Im Januar 2007 konnten erste Bilder gewonnen werden, präzise Arbeit war allerdings erst mit der erfolgreichen Inbetriebnahme eines zweiten Satelliten im dritten Quartal 2007 möglich. Seit Dezember 2007 ist die Bodenstation in der Lage, jederzeit aktuelle Informationen zu liefern. Im Dezember 2008 wurde das Aufklärungs-system dann offiziell an die Streitkräfte übergeben.[9] Bundeswehreinheiten, beispielsweise in Afghanistan, können nun auf die Lagebilder des kompletten Spionagesatellitensystems zugreifen, das Aufnahmen mit präzisen Informationen über feindliche Aktivitäten im unmittelbaren Kriegsgebiet liefert.
Kundenkreis
Der Kundenkreis für die Satellitenbilder ist allerdings nicht auf Militärs beschränkt. Es verstehe sich von selbst, dass das System "auch ressortübergreifend" genutzt werde, hieß es bereits im Jahr 2002.[10] "Selbstverständlich" dürften auch andere Ministerien im Zuge der "Amtshilfe" das Verteidigungsressort um Radaraufnahmen bitten, bestätigte kürzlich der zuständige Kommandeur für Strategische Aufklärung, Brigadegeneral Friedrich Wilhelm Kriesel. Der Auslands-geheimdienst BND (Bundesnachrichtendienst) hat bereits einen klar geregelten Zugang zu dem neuen Spionagesystem. Für das Inland soll die Gelsdorfer Bodenstation ebenfalls Bilder liefern. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat im Juni 2005 eine Kooperation vereinbart und will Aufklärungsbilder der Spionagesatelliten "zur Erstellung von Gefährdungsanalysen oder für polizeiliche Überwachungsmaßnahmen" nutzen.[11]
In der europäischen "Flüchtlingsbekämpfung" gehören Spionagesatelliten ebenfalls zu den erklärtermaßen anzuwendenden "Instrumenten".[12]
[1] s. dazu Weltraumspionage, Richtige Richtung und Militärkooperation
[2] s. dazu Gestartet
[3] Deutschlands erstes satellitengestütztes Aufklärungssystem SAR-Lupe ist komplett; www.dlr.de 22.07.2008
[4] Aufklärung aus dem All; www.streitkraeftebasis.de
[5] SAR-Lupe übernommen; www.streitkraeftebasis.de 05.12.2008
[6] SAR-Lupe: Hightech made in Germany; www.streitkraeftebasis.de 21.12.2006
[7] s. dazu Berlin: Europäische Satellitennavigation soll Militäreinsätze "gegen das Interesse der USA" ermöglichen und Krieg
[8] s. dazu Krieg aus dem All und Keine Abstinenz
[9] SAR-Lupe übernommen; www.streitkraeftebasis.de 05.12.2008
[10] s. dazu Verschmelzung
[11] s. dazu Mit militärischen Mitteln
[12] s. dazu Weichenstellung und Auf Leben und Tod
(Quelle: German Foreign Policy )
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Montag, 9. März 2009
So interessant und leistungsstark das neue System auch ist, für den Titel “Spionage-Weltmeister” reicht es sicherlich noch nicht aus. In Sachen allgemeiner Auslandsspionage würde Deutschland im internationalen Vergleich kaum in die Top 5 kommen.
Auch in der Satellitentechnik geht mit das Selbstbewußtsein der Bundeswehr etwas zu weit. Die USA betreiben Satellitenaufklärung in einem Umfang, der die deutschen Bemühungen doch recht bescheiden aussehen läßt, was insbes. mit dem etwa 50-jährigen Vorsprung zu tun hat, den die Amerikaner auf diesem Gebiet haben. Und allem technologischen Stolz zum Trotz: bei gutem Wetter ist ein moderner optischer Satellit der Radartechnik (mit einem Meter Auflösung) haushoch überlegen.
Mittwoch, 6. Mai 2009
Die neue Errungenschaft darf auch bei “Amtshilfe das Verteitigungsressort” vom u.a. dem BND und BKA genutzt werden. Dann bin ich mal gespannt wann die erste Klage eingeht. Wann wer “ausversehen” genauer vom Spionagesatellitensystem unter die Lupe genommen wurde.
Samstag, 11. Juli 2009
Berlin-Moskau??
“Moskau stellte Berlin technologische Hilfe beim Aufbau des deutschen Systems zur Verfügung[...]”
Sorry, aber das tendenziös und unzutreffend. Was hier suggeriert wird ist, dass es eine technologische Hilfe der Russen gegeben hätte – die Realität sieht freilich ganz anders aus: Satelliten und Radar wurden natürlich ohne Russlands Hilfe entwickelt – die haben auch nicht vergleichbares anzubieten.
Einzig der Start der Satelliten wurde mit russischen Kosmos-Raketen durchgeführt – nicht weil deren Technologie so toll wäre, sondern weil sie schlicht und ergreifend die billigsten waren.
Die meisten europäischen Erdbeobachtungssatelliten werden übrigens mit russischen Raketen gestartet, da die Ariane-Rakete dafür häufig überdimensioniert ist.