Der innere Druck
Montag, 1. Juni 2009-13:47 -|-Thema: Gesellschaft
Von Roberto J. De Lapuente | ad sinistram | – Wie die Gesellschaft herangeht, um Oppositionelle in die Enge zu drängen, wie sie danach trachtet, aus Andersdenkenden Staatsfeinde zu konstruieren, erzeugt nicht nur einen externen Druck, mit dem der Leidtragende sich auseinanderzusetzen hat, sondern läßt ihn auch intern, im direkten privaten Umfeld mit sich und seinen Ansichten ringen.
Der abqualifizierte Zeitgenosse muß sich nicht nur von Seiten staatlicher Institutionen, vielleicht des Arbeitgebers und des allgemein herrschenden Zeitgeistes, der aus der Liaison zwischen Macht und Geld hervorging, einer unerträglichen Repression beugen – auch innerhalb seines Privatlebens, je mehr der äußere Druck anschwillt, wird er alleinegelassen in seinem Anderssein.
Galileis Tochter Virginia und seine Haushälterin Sarti, zumindest als Protagonisten des brechtschen Stückes, stärken den Wissenschaftler nicht, sie drängen ihn zur Anpassung, zum Verwerfen seiner Thesen. Nachdem der außerfamiliäre Druck unerträgliche Momente eingenommen hatte, war auch den ihn Nahestehenden sichtbar geworden, dass nur in der Anpassung an Herrschaftsinteressen das Heil des Vaters, das Heil der Familie zu erlangen ist. Galilei läßt sich aber nicht beeindrucken, arbeitet im Stillen weiter, ist von den Erkenntnissen, die sein Genie erzielt hat, über alle Maßen überzeugt. Der Oppositionelle, der in der heutigen Massengesellschaft in eine Nische gedrückt werden soll, verfügt in den meisten Fällen jedoch nicht über Genie, seine Selbstsicherheit wird der des Galilei nicht gleichen, oftmals wird sie ganz schwinden, gerade auch dann, wenn die ihm Nahestehenden ihn zur Anpassung nötigen.
Du kannst doch auch ein lebenswertes Privatleben leben, ohne all die Auswürfe zur Politik, zum Zeitgeist, bei denen man den Granden doch nur auf die Füße tritt! Du kannst dich doch gemütlich zurückziehen und dein eigenes kleines Paradies verwirklichen, auch wenn rundherum der Wahnsinn grassiert, wenn Mord der Herrschaft Alltagsgeschäft ist, wenn rundherum um den Erdenball Menschen jämmerlich verrecken! Was kümmert es dich denn, wenn du ein wohliges und biedermeierliches Wohnzimmer hast, eine große DVD-Sammlung, feine Speisen zubereiten kannst, kurz: einen kaiserlichen Einzug ins Private halten kannst, wie einst Napoléon auf Elba? Wer braucht da noch das eitle Spiel mit der Politik, in der man nur etwas gelten und werden kann, wenn man den konformen Weg über Parteien und Organisationen nimmt? Wer will da noch Meinung kundtun, die erst anderen wehtut, damit sie letztlich den Opponenten selbst schmerzt? Diese Wahl hat der Andersdenkende zu treffen: Selbstverleumdung oder Repression! Biedermeier oder Revolte! Weiche Kissen oder harte Pritsche!
Diese Komponente der Diffamierung, der innere Druck, das Isolieren und Einsammachen des Andersdenkenden ist die wahre Absicht der herrschenden Vorgehensweisen. Um eine angepaßtere Gesellschaft wahr zu machen, eine massentaugliche Bürgergesellschaft, in der Unkritik zur Staatsräson erhoben wurde, erdrückt man jene, die sich nicht mit einfachen Mitteln passend machen lassen, die weiterhin freie Gedanken pflegen, nicht die Parolen der Meinungsmacher nachjohlen. Man kontrolliert sie, schnüffelt ihnen nach, pfuscht ihnen in ihr Handwerk, sofern sie mit ihrem Wirken andere Subjekte verunreinigen könnten, setzt sie der Justiz aus, inhaftiert sie, hält sie an der kurzen Leine, läßt sie am Arbeitsmarkt verhungern, diffamiert sie in aller Öffentlichkeit, brandmarkt sie als Terroristen und Brandstifter, entfremdet sie ihrer eigenen Kinder. Diese von Außen auferlegte Litanei von Repressionsmaßnahmen ist nur der eigentliche Anfang, denn alles zielt darauf ab, den Unbeugsamen, sofern er immer noch nicht eingebrochen ist und reuig seine Irrlehren abgeschworen hat, auch im Freundes- und Familienkreis zu zerstören.
Wenn der Lebenspartner zunächst um den Widerruf seiner Denkweisen bittet, um nach langer Tortur mit Abschied zu drohen; wenn die Kinder den Vater dazu auffordern, endlich Besinnung anzunehmen, damit er ein Bilderbuchvater werden kann; wenn Freunde immer öfter fernbleiben, abendliche Treffen mit banalen Ausreden ausfallen lassen; wenn Eltern einem zur Attestierung pathologischer Defekte einen Arztbesuch anraten; wenn Geschwister voller Zorn und Verachtung den missratenen Blutsverwandten als Totengräber ihrer eigenen Karriere bezeichnen; wenn der Rest der ganzen buckeligen Verwandtschaft sich der Existenz des Neffen, Enkel, Vetter schämt; wenn sich also alles innerhalb jener nahestehenden Kreise gegen einen verschwört, dann hat der äußere Druck sein Ziel erlangt. Der Anzupassende wird einsam, gerät in Isolation, verhungert mit revoltierenden Gedanken am langen Arm, paßt sich entweder an, oder wird zum sozialen Notfall, der keinerlei Antrieb mehr findet, sein Umfeld mit seinen Gedanken zu vergiften, weil er sich womöglich selbst mit Alkohol vergiftet.
Die ganze haarsträubende Qualität der herrschenden Repressionsmechanik wird daran sichtbar, wie die Repression ins Private hineinwirkt. Von der Dummheit der Massen geächtet zu werden mag schmerzhaft sein, aber es ist auszuhalten – von seinem eigenen Partner ob seiner Ansichten ausgegrenzt zu werden, ist unerträglich. Wenn die organisierte Repression dort einen Fuß hineinbekommt, dann ist es realistisch, dass der Delinquent auf den Boden gezwungen wird. Die zu schützende Privatsphäre ist ein Märchen dieser Gesellschaft – sie gilt nur für den Biedermeier, nicht für denjenigen, der sich mit herrschenden Gedanken anlegt.
Quellennachweis: ad sinistram











