Die letzte Zentrale
Samstag, 27. Juni 2009-10:25 -|-Thema: Die Linke
Von Roberto J. De Lapuente | ad sinistram | – Einer der wesentlichsten Punkte der die undogmatische Neue Linke – K-Gruppen ausgeschlossen – ausmachte (und heute, als nicht mehr ganz so neue Linke immer noch ausmacht) war von jeher die Auflösung jeder Form von Zentralisierung.
Auf anarchistische Klassiker zurückgreifend, dabei aber natürlich auch auf deutsche Geschichte schielend und über den Eisernen Vorhang hinwegspähend, sprach man sich dafür aus, in einem neuen Gesellschaftsentwurf so wenig Zentralismus als möglich zu fabrizieren. Kleine Selbstversorger-Projekte aus der Zeit der Studentenrevolte, mit einigen Abstrichen auch die Bewegung der Wohnkommunen, die allerdings in der bürgerlichen Presse als lasterhafte Heim-Bordelle der freien Liebe umschrieben wurden, resultieren aus dieser Zentralismusfeindlichkeit.
Der Neuen Linken war, mit Rückgriff auf die jüngere europäische Geschichte, klargeworden, dass ein staatliches Ungetüm, eine Maschinerie, die Millionen von Menschen in ihre Listen notiert um sie zu verwalten, früher oder später immer ausarten muß. Der Mensch im Zentralismus steht eben nicht im Zentrum, denn dort steht der zentralisierte Apparat; der Mensch im Zentralismus wird zur Nummer, zur abstrakten Einheit ohne menschliche Attribute; menschliche Züge belasten die zentralisierte Gemeinschaft, hemmt sie in ihrem mittigen Verwalten, in dem Umwege nicht eingeplant sind, nur Kosten, aber wenig gemeinschaftlichen Nutzen hervorbringen. In einem solchen zentralistischen Gebilde gleichen sich Individuen an, Pluralismus und Vielfalt werden von der Zentrale nicht berücksichtigt, in einzelnen Fällen sogar bekämpft und unterdrückt. Die heutige Gesetzgebung in Fragen der Arbeitslosenverwaltung beruht auf diesem zentralistischen Weltbild, der Einzelne innerhalb des SGB II zählt wenig, er erhält nicht nach seinen Bedürfnissen, sondern nach einem vorkalkulierten, d.h. zentralisiertem Einkaufskorb Versorgung.
Was der Neuen Linken mal konkret, mal allzu theoretisch vorschwebte, war ein System des Föderalismus, in anarchistischeren Kreisen würde man von einem System der Kooperationen sprechen, wenngleich Anarchisten ja kein System kennen wollen. Um es abzukürzen: Innerhalb kleinerer Verwaltungseinheiten sah und sieht man das Individuum besser versorgt, kleine Gruppen würden auch nicht willkürlich über die Not vereinzelter Gruppenmitglieder hinweggehen. Kleinere Einheiten, die die Abstraktion des Zentralismus nicht kennen, könnten leichter einen Konsens finden, der jedem einigermaßen gerecht würde. Wenn es dem direkten Nachbarn schlecht erginge, wäre die Hilfe sicherlich fröhlicher und freimütiger verteilt, als wenn ein niedersächsischer Bauer für seinen Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern bezahlt, oder ein deutscher Landwirt für einen Berufskollegen aus Portugal.
Hier setzt auch einer der fundamentalen Kritikpunkte an der EU an: ein zentralisiertes Europa kann sich nicht um die Belange jeder Region kümmern, kann nicht jedem gerecht werden. Erlasse für Landwirte haben nicht die gleichen Folgen für jeden europäischen Vertreter dieser Zunft. Zwischen Polen und Portugal herrschen viele verschiedene Voraussetzungen, Traditionen, Auffassungen, denen ein zentralisiertes Staats- und Verwaltungssystem nie gleichermaßen gerecht würde.
Diese zwei Absätze als längere Einleitung, als Grundlage des Folgenden.
Nun zum wesentlichen Teil dieser Zeilen: Wenn die undogmatische Neue Linke, die ja heute nicht mehr so neu ist, auch vom Zentralismus angewidert ist, lieber kleine Einheiten wahrgeworden sehen will, so muß sie dieser Tage dennoch dazu aufrufen, noch einmal einen Zentralismus verwirklicht wissen zu wollen. Eine letzte Zentrale, um endlich bessere Zustände zu erstreiten. Dabei handelt es sich nicht um eine Zentrale der Verwaltung, sondern um eine der Interessen; nicht um eine der Technokraten, sondern um eine unideologischer Massen, die einfach nur ihre Interessen verwirklicht haben wollen. Es handelt sich um eine Zentralisierung des gemeinsamen Nenners, einer Zentralisierung des Generalstreiks. Denn das gravierende Problem krisengeschüttelter Tage, unser gravierendes Problem als Oppositionelle, ist: Anstatt einen großen Topf aufzusetzen, um darin die Basis für viele verschiedene Suppen kochen zu können, stellen verschiedene Gruppen vereinzelte Töpfe auf, um darin die Grundessenz köcheln zu lassen, und dabei kochen sie noch nicht mal wohltemperiert, sondern mit lauwarmer bis kalter Flamme; anstatt zusammen die Basis zu kochen, hernach erst kleinere Töpfe aufzustellen, um dann je nach Bedarf mit Suppeneinlagen und Gewürzen anzureichern, kocht jeder für sich alleine.
So streiken Erzieherinnen für bessere Arbeitsbedingungen, Ärzte für eine angemessene Kostenerstattung, Krisenopfer wie Opel-Mitarbeiter für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze, Studenten und Schüler für einen neuen Bildungskodex, Anhänger moderner Medien streiten gegen Zensur. Jeder für sich, jedem das Seine! Was verkannt wird ist die Essenz jeglicher Unzufriedenheit – dies wird nicht verkannt, sondern verkannt gemacht, verschleiert und versteckt. Denn es geht nicht um Partikularinteressen, diese sind lediglich Randerscheinung. Was als Grundlage dient, ist ein generelles Umdenken, eine Zurückführung der Politik und eine Hinführung der Wirtschaft in ethischere, humanere Kategorien. Weg von der absoluten Verwurstung von Arbeitskraft! Weg von der rigorosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen! Weg von der gelegentlich latenten, gelegentlich ungenierten Menschenverachtung moderner Wirtschaftspolitik!
Weg von der Knechtung anderer Völker! Weg von Kosten-Nutzen-Kalkül in sozialen Bereichen der Gesellschaft! Der Mensch hat nicht mehr in erster Linie Angestellter und Arbeitskraft zu sein, sondern autonomes Wesen, Mensch mit allen Facetten, mit Schwächen und Vorlieben. Es ist im Kern, auch wenn es vielen Demonstrierenden vielleicht gar nicht bewusst ist, eine radikale Basis, die künstlich geteilt wird, um beherrschbar zu bleiben.
Den einzelnen Demonstranten- und Kampfgruppen muß verdeutlicht werden, dass sie zwar durchaus verschiedene Ziele haben mögen, dass es ihnen aber schlussendlich darum geht, eine Gesellschaft zu verwirklichen, in der es sich besser leben läßt. Die Wachstumsideologie des herrschenden Kapitalismus ist, qua begrenzter Ressourcen, eine Fehlannahme – was aber wachsen darf, immer weiter, soweit es sich moralisch vertreten läßt, soweit dabei nicht der Planet zugrunde gerichtet wird, das ist die Lebensqualität jedes einzelnen Menschen. Das ist der wahre Fortschritt der Menschheit. Nur daran hat die herrschende Lehre kein Interesse. Die zynische Scheinlehre neoliberaler Prägung, wonach jedem geholfen wäre, wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht, hat sich hier tief ins Bewußtsein der Massen gegraben. In der Bewußtmachung gleicher Ziele, die später natürlich ganz individuell abgeschmeckt werden können, läge der Schlüssel zur Krisennutzbarmachung. Jede Systemkrise der herrschenden Klasse, ist mit der Hoffnung der Unterdrückten dieses herrschenden Systems verbunden, es möge sich nun alles ändern, es möge alles zusammenbrechen, damit etwas Neues, etwas Besseres daraus erwachsen könne. Derzeit ist nicht zu erwarten, dass die Krise in dieser emanzipatorischen und fortschrittlichen Art nutzbar gemacht werden könnte.
>Das gelänge nur mit einem Zusammenstehen der Unzufriedenen, mit einer Zentralisierung der einzelnen Interessen.Eine letzte Zentrale wäre notwendig. Dabei ist nicht ganz abzuklären, ob es sich um eine letzte Zentrale handelt, weil danach womöglich keine Chance mehr auf eine Zentralisierung der Unterdrückten gewährleistet wird, weil man sie unterdrückt und juristisch ruchbar macht; oder ob sie eine letzte Zentrale getauft sein soll, weil nach einem zentralisierten Erfolg alles Zentrale schwinden kann, um menschlicheren Verwaltungseinheiten endlich eine historische Chance einzuräumen. Wie auch immer dieses Letzte zu verstehen ist, liegt an den Menschen selbst. Zentralisieren sie sich, streiken und demonstrieren miteinander, rücksichtslos, tagelang, wochenlang, ohne Hemmungen, ohne falschen Untertanengeist, so wird danach möglicherweise die kleine Verwaltungseinheit zum Kapitel im Geschichtsbuch; wenn nicht, kann es sein, dass man uns keine Möglichkeiten zur Zentralisierung allgemeiner Unzufriedenheit mehr einräumt.
Die letzte Zentrale – so oder so…
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