Sinn- Plizität

Mittwoch, 8. Juli 2009-9:11 -|-Thema: Deutschland, Gesellschaft, Lopez Suarez, Parteien, Wahl 2009

zdfVon Lopez Suarez | Womblog | – Bei Peter Hahne kann einem schon der Kamm schwellen, peinigt dieser pathologische Grinse-Christ doch nicht nur allsommerlich die gebührenrechtlichen Pflichten von uns Zuschauern. Insofern startete das alljähr- und herrliche Sommerkasperletheater auch dieses Jahr wieder einmal mit Horst Köhler als ersten Interviewpartner -

- wenn man denn bei Politiker-Interviews überhaupt von Partner – und nicht vielmehr von Patenschaft sprechen kann. Schließlich scheinen die Fragen und Antworten unter der Obhut seichter und leichter Sommerkost zu stehen. Und doch kann einem auch bei frischen Zutaten übel werden, vor allem dann, wenn die vermeintliche Frische nur vorgegaukelt und die Zutaten schon längst ihr Verfallsdatum überschritten haben.

In jedem Fall stand dem ersten Mann im Staate auch das erste Interview zu, was befürchten lässt, dass noch weitere folgen werden. Dabei ist die Wahl zwischen den beiden Peters (Hahne und Frey) gleichzusetzen mit der Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Vom Trägen in die Schlaufe … oder auch Endlosschleife inhaltlosen Wahlkampfgeplappers. Es drohen die beiden Berlin direkt mit folgenden Interview-Dummys: Frank-Walter Steinmeier, Horst Seehofer, Claudia Roth, Guido Westerwelle und schließlich Alt- Bundeskanzlerin Angela Merkel. Insofern ähnelt dieses Szenario jenem, welches auch die Nachrichten regelmäßig als Drohkulisse nutzen.

Neu schien beim Interview mit Horst Köhler, dass diese Klausur im Kloster Chorin in Brandenburg stattfand. Leider sind es Zisterzienser- und keine Schweigemönche, welche dieses Kloster führen. Diese haben sich – anders als Köhler – dem Gebet und der Arbeit verschrieben. Das hochgotische Gebäudeensemble Hahne-Köhler ließ denn auch keine Frage offen – dafür jedoch jede Menge Antworten. Thematisiert wurde die Verschuldung – zumindest jene des Bundeshaushaltes. Dass der Bundespräsident keine politische Verantwortung trägt, ließ sich in dem Moment erahnen, als er Steuersenkungen ansprach. Wenn man das Ruder und den Kurs aus der Hand gibt, scheint es einfach, die Richtung bestimmen zu können. Schließlich trägt man keinerlei Verantwortung mehr für eventuelle Kursverluste und Schiffsbrüchige.

Dass die Banken und die Manager das Schiff gegen die Wand gefahren und die unter den unterschiedlichsten Fahne fahrenden Wahlkampfgenossenbosse es einfach geentert haben, scheint ebenso klar wie die Tatsache, dass die Wiederwahl Horst Köhlers ein um Haaresbreite verunglücktes Andockmanöver war. Nur durch die vereinten Kräfte aller einflussreichen Lotsen wurde die Inthronisierung möglich – und damit weitere fünf Jahre Sommerinterview-Theater.

Schade insofern, dass sich die angebliche Kreditklemme nicht auch auf die Ausgabe von Worten ausstreckt. Dabei soll doch Reden Silber sein und da der Goldpreis im Gegensatz zu beispielsweise Platin eher fällt, leuchtet es wohl ein, wenn jetzt kräftig geplappert wird, dass sich fast die altehrwürdigen Klostermauern biegen. Dabei machen diese es doch vor, verzichten sie nämlich auf farbige Abbildungen biblischer (und wenn man so will, sind doch auch Politiker/innen ziemliche Legendengestalten) Figuren und setzen auf die so genannte Grisaillemalerei, wo alles weiß und im besten Fall grau umrandet ist – dem Kontrast und der Wiedererkennung zuliebe.

Womöglich wird das Interview mit Gysi im Tochterkloster Le(h)nin stattfinden. Und was Angela Merkel und die CDU angeht, wird man sich in deren Interview wohl der Schwarzlotmalerei bedienen, jener Technik, die in der Glas- und Keramikmalerei alles grau in grau erscheinen lässt und damit den notwendigen Durchblick erschwert.

Gespannt sein darf man auch auf die Welle, die Guido machen wird. Der Kabarettist Hagen Rether bezeichnete ihn unlängst als Handpuppe der Wirtschaft, die ihn je nach Bedarf reanimiert und ihm die gewünschten Formulierungen in den hölzernen Mund legt.

Als alternativer Interviewgast gerade für den Christen Hahne ließe sich vielleicht Papst Benedikt rekrutieren. Schließlich ist auch er ja der erste Mann im irdischen Staate und hat unlängst in seiner Sozialenzyklika Caritas in veritate die Schaffung einer politischen Weltautorität als Antwort auf die globale Wirtschaftskrise gefordert – so etwas wie Gottes Wirtschaftsminister sozusagen. Da Guttenberg für das Amt zwar in Frage käme, leider aber aufgrund dringlicher Verpflichtungen unabkömmlich ist, wird ein geeigneter Kandidat noch gesucht. Vielleicht besteht ja die Möglichkeit, die restlichen Interviewtermine als Castingshow umzufirmieren. Ein wenig wie die unsägliche ZDF-Langweilerparade "Ich kann Kanzler”, wo Passepartout Jauch und die hysterische Anke Engelke einen passenden Nachfolger für Köhler suchen. Schließlich ist das Kanzleramt ja schon besetzt – und ein geregelter Stuhlgang mit anschließendem Stühle rücken steht kurz bevor.

Bleibt zu hoffen, dass der Sommer schneller vorbei geht als es die kommenden Legislaturperioden von Bundespräsidenten und Bundesregierung drohen zu werden. Schließlich hat ein Jahr ja auch vier Jahreszeiten und die fünfte ist jene der Narren, wo man laut Helau und Alaaf schreien, sich besaufen und relativ ungestraft und ungefiltert sagen kann, was man denkt.

Das Interview zum Nachlesen: Sommerinterviews 2009 | Köhler: Steuersenkung ist möglich Bundespräsident fordert Entlastungen für Familien und Mittelschicht.

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gelesen: 271 · heute: 2 · zuletzt: 12. März 2010

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