Der Deutschtumspreis

Montag, 12. Oktober 2009-14:44 -|-Thema: Deutschland, Ticker

Von German Foreign Policy | – Organisationen der Berliner "Deutsch ­ tums"-Politik bejubeln die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an die "rumäniendeutsche" Autorin Herta Müller. Die Preisvergabe sei ein Hin ­ weis darauf, "wie wertvoll das kulturelle Erbe der Deutschen aus dem Osten ist", erklärt die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach (CDU):

"Es gilt, dieses Erbe zu bewahren und zu fördern." Der BdV hat erst vor kurzem ein Projekt gestartet, das der "deutschen Ostsiedlung" der vergangenen Jahrhunderte mit einer Ausstellung nach dem Vorbild des "Zentrums gegen Vertreibungen" neue Publizität verschaffen soll. Das Vorhaben gilt deutschsprachigen Minderheiten in Ost- und Südosteuropa, die von Politik und Wirtschaft der Bundesrepublik genutzt werden, um als Brückenköpfe der Berliner Expansion zu fungieren. Das Nobelpreis-Komitee verschafft einer dieser Minderheiten, den "Banater Schwaben", denen Herta Müller angehört, exemplarische Popularität. Die politischen Intentionen des Stockholmer Komitees, das bei seinen Entscheidungen die Unterstützung ausländischer Interessenten genießt, helfen damit dem BdV und geben der "Deutschtums"-Politik neuen Auftrieb. Kritik an der Nobelpreis-Vergabe wird in Staaten laut, die von "Deutschtums"-Interventionen betroffenen sind, so etwa in Polen.

Deutsches Erbe

Mit großer Zufriedenheit registrieren Organisationen der Berliner "Deutschtums"-Politik die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an die Autorin Herta Müller. Müller stammt aus dem Banat, einer Region im Westen Rumäniens um Timişoara, in die seit dem 18. Jahrhundert zahlreiche deutschsprachige Siedler eingewandert waren; sie werden "Banater Schwaben" genannt. Die Minderheit, der Müller angehört, lebt bis heute in Rumänien. Die Autorin habe "dem kleinen Banat, seinen Menschen und seiner Geschichte einen großen Namen gegeben", resümiert die "Landsmannschaft der Banater Schwaben".[1] Ihr Werk leiste einen "Beitrag zum besseren Verständnis des Schicksals und Daseins unserer Gemeinschaft", schreibt die ebenfalls "rumäniendeutsche" "Siebenbürgische Zeitung".[2] Die Nobelpreis-Vergabe mache "deutlich, wie wertvoll das kulturelle Erbe der Deutschen aus dem Osten ist", erklärt die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach: "Es gilt, dieses Erbe zu bewahren und weiterhin zu fördern."[3]

"Vertriebenen"-Projekt

In der Tat befördert das Nobelpreis-Komitee mit der Vergabe der Auszeichnung an Herta Müller die politischen Anliegen der Berliner "Deutschtums"-Organisationen. So hat der BdV, dessen letztes großes Vorhaben, das "Zentrum gegen Vertreibungen", derzeit unter staatlicher Mitwirkung in Berlin verwirklicht wird [4], erst kürzlich ein neues Projekt gestartet: eine Ausstellung ("Die Gerufenen" [5]), welche die Geschichte des "Deutschtums" in Ost- und Südosteuropa thematisiert. Sie behandelt sämtliche europäischen Gebiete außerhalb des ehemaligen Deutschen Reichs, in denen sich deutschsprachige Siedler in erheblichem Umfang niederließen. Dazu gehören Teile Rumäniens, etwa auch die Region, in der Herta Müller ihre ersten 34 Lebensjahre verbrachte; sie hat ihr bedeutende Teile ihrer literarischen Arbeit gewidmet. Mit dem jüngsten Ausstellungsprojekt versucht der BdV den deutschsprachigen Minderheiten Ost- und Südosteuropas eine größere öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Scheinbar

Eine Publizität, wie sie der BdV für das östliche "Deutschtum" wohl kaum hätte herstellen können, hat das Nobelpreis-Komitee den Absichten der deutschen Minderheitenpolitik scheinbar unerwartet verschafft. An der unvermittelten Nobelpreis-Entscheidung sind jedoch Zweifel angebracht. Zumindest in der Vergangenheit stand das Komitee mit ausländischen Interessenten in Verbindung, die bestimmte Kandidaten andienten und andere aus Gründen der politischen Außenwirkung verhindern wollten. So rühmt sich eine Kulturabteilung der CIA, über den Sekretär des Nobelpreiskomitees die Auszeichnung des chilenischen Poeten Pablo Neruda verhindert zu haben. Für diese Lobby-Tätigkeit floss Geld, heißt es in den CIA-Dokumenten, die von der englischen Autorin Frances Stonor Saunders 1999 veröffentlicht wurden.[6]

Deutsch oder rumänisch?

Seit die Preisvergabe in Stockholm bekannt wurde, entdecken die Massenmedien innerhalb und außerhalb Deutschlands das westrumänische Banat und die dortige deutschsprachige Minderheit. Berichte über die deutschsprachige Nikolaus-Lenau-Schule in Timişoara ("Temeschburg"), deren Schülerin Herta Müller war, werden um Reportagen über die Minderheit im Banat und ihre gesellschaftlichen Besonderheiten ergänzt. Spekulationen, ob Herta Müller eine "deutsche" oder eine "rumänische Schriftstellerin" sei, werden ebenso laut wie die Frage, ob "die Diskussion über den Status der Siebenbürger Sachsen oder Banater Schwaben nochmals aufleben" werde.[7] Die deutschsprachigen Bürger Rumäniens besitzen bereits jetzt einen anerkannten Minderheitenstatus; allerdings werden von völkischen "Deutschtums"-Organisationen gelegentlich weiterreichende Forderungen thematisiert.[8]

"Deutschtums"-Inseln

Die "Deutschtums"-Inseln in Ost- und Südosteuropa genießen seit je die besondere Aufmerksamkeit der Berliner Außenpolitik. Deutsche Politiker und Unternehmer knüpfen bevorzugt an die Sprachkenntnisse sowie die verbreitete "Deutschtums"-Loyalität der dortigen Minderheiten an und nutzen deren Angehörige als Einflussagenten. Zu einer prominenten Anlaufstelle deutscher Interessenten hat sich dabei etwa das rumänische Sibiu ("Hermannstadt") entwickelt, wo eine Organisation der deutschsprachigen Minderheit ("Demokratisches Forum der Deutschen in Rumänien", DFDR) sogar den Bürgermeister stellt. Die Stadt profitiert nicht nur von Fördergeldern für die deutschsprachige Minderheit Rumäniens, sondern auch von "Entwicklungshilfe": Ende der 1990er Jahre hat die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im Auftrag des deutschen Entwicklungsministeriums mit der Renovierung der Altstadt von Sibiu begonnen. Es gebe dort "mittelalterliche Architektur, die eher deutsch anmutet", heißt es in Medienberichten unter Anspielung auf die Gründung der Stadt durch deutschsprachige Siedler vor rund 800 Jahren.[9] Neben den GTZ-Investitionen haben vor allem Unternehmen aus Deutschland der Stadt in den vergangenen zehn Jahren einen beträchtlichen Aufschwung ermöglicht. "Es ist nun mal ein Unterschied, ob man für das Gespräch mit dem Vorarbeiter einen Dolmetscher braucht oder sich mit ihm direkt unterhalten kann", erklärt der deutschsprachige Bürgermeister über die Vorteile, die die deutsche Industrie (Siemens, ThyssenKrupp, Continental und andere produzieren in der Nähe von Sibiu) bei ihrer Expansion in die Billiglohnländer Südosteuropas aus der deutschsprachigen Minderheit zieht.[10]

Nationaler Stolz

Kritische Stimmen zu den politischen Folgen der Preisvergabe sind in der Bundesrepublik kaum zu finden. Kritisieren US-Medien – auch diejenigen, die der gegenwärtigen Administration nahe stehen – die Vergabe des Friedens-Nobelpreises an US-Präsident Barack Obama als ein allzu billiges Andienen, herrscht in der deutschen Öffentlichkeit Stolz auf die Auszeichnung. Die "Deutschtums"-PR, die das Nobelpreis-Komitee Berlin mit der Preisvergabe gratis verschafft, stößt durchweg auf Zustimmung. Kritik wird hingegen in osteuropäischen Ländern laut, die von "Deutschtums"-Interventionen besonders betroffen sind, so etwa in Polen. Wie die angesehene polnische Tageszeitung Rzeczpospolita schreibt, werden sich über den jüngsten Literatur-Nobelpreis "nicht nur Antikommunisten und Opfer kommunistischer Verfolgung" freuen, "sondern auch Funktionäre des Vertriebenenbundes".[11]

[1] Nobelpreis für Literatur an Herta Müller; www.banater-schwaben.de
[2] Literaturnobelpreis für Herta Müller; www.siebenbuerger.de 08.10.2009
[3] Gratulation zum Nobelpreis für Literatur; Pressemitteilung des Bundes der Vertriebenen 09.10.2009
[4] s. dazu Bundestag: Mehrheit für "Zentrum gegen Vertreibung", Die Perspektive der Täter, Revisionsoffensive und 60 Jahre Aggressionen
[5] s. dazu Die deutsche Ostsiedlung
[6] Frances Stonor Saunders: Who Paid the Piper? The CIA and the Cultural Cold War, London 1999
[7] Herta Müller ist eine deutsche Schriftstellerin; Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.10.2009
[8] s. auch Beziehungen pflegen, Schwelende Konflikte und Hintergrundbericht: Die Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen
[9] Tritt auf die Verkehrsbremse; Akzente 01/2005
[10] s. dazu Übernahme und Die deutsche Ostsiedlung
[11] "Die Feministinnen freuen sich"; Spiegel Online 09.10.2009

Quellennachweis für diesen Beitrag: – German Foreign Policy

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gelesen: 505 · heute: 2 · zuletzt: 16. März 2010

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2 Kommentare

  1. Ich denke, es lohnt, sich bei aller laufenden versuchten Instrumentalisierung von Herta Müller durch deutsch- wie rumänischnationale Kreise ihre Arbeit anzuschauen. Ihre antinazistische Ausrichtung wird nicht thematisiert. Schade drum.
    Die Realität zwischen den nationalen Stühlen wird sowieso von ganz anderen Koordinaten bestimmt, als die üblicherweise angenommenen und behandelten.

  2. 2
    Kolloschwar 
    Dienstag, 13. Oktober 2009

    Erstaunlich, wie lang man über das Thema Herta Müller schreiben kann, ohne bisher eine einzige Zeile von ihr erblickt zu haben.
    Hätten Sie nämlich irgend etwas von ihr gelesen, egal ob Literarisches oder Publizistisches, wüssten Sie, wie fern sie selber diesen Deutschtümeleien steht, und umgekehrt. Von der Landsmannschaft der Banater Schwaben wurde sie über Jahrzehnte regelrecht angefeindet, weil angeblich ihre Landsleute in einem zu schlechten Licht schildere.
    Das Lesen der Texte Herta Müllers würde ich Ihnen aber vor allem deswegen ans Herz legen, weil Sie daraus viel lernen können. Aufgrund ihrer Erfahrung behandelt sie diese ganze Problematik sehr viel tiefgreifender und differenzierter.

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