Ende der Eiszeit

Montag, 9. November 2009-14:12 -|-Thema: Bolivien, USA

Von Benjamin Beutler | jungeWelt | – Ein Jahr nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen bemühen sich Bolivien und die USA um eine Normalisierung ihres Verhältnisses.

Im September 2008 war es zum Eklat gekommen, als Boliviens linker Präsident Evo Morales den US-Botschafter Philip Goldberg wegen dessen Verwicklung in Abspaltungsbestrebungen der oppositionell regierten Provinzen des südamerikanischen Landes zur »unerwünschten Person« erklärt und des Landes verwiesen hatte. Als Retourkutsche schickte George W. Bush Boliviens Vertreter nach Hause und strich unter dem Vorwand nicht erfüllter Auflagen im Antidrogenkampf außerdem Handelserleichterungen für bolivianische Exporte.

Die Wiederherstellung der Beziehungen ist erklärter Konsens beider Regierungen. Bolivien bestehe dabei jedoch auf einem »neuen Rahmen gegenseitigen Respekts«, betonte der bolivianische Außenminister David Choquehuanca in der vergangenen Woche, nachdem Delegationen beider Regierungen zum zweiten Mal in diesem Jahr zusammengetroffen waren. Nach den Beratungen im US-Außenministerium war Choquehuanca optimistisch. Die jüngsten »Fortschritte« ließen ein Grundsatzabkommen bis Ende November realistisch erscheinen.

»Ich hoffe, wir können eine Einigung erzielen«, zeigte sich auch Evo Morales Ende Oktober zuversichtlich. Grundlage des »erneuerten« Verhältnisses sei die »Zusammenarbeit von Regierung zu Regierung«. Das Botschaftspersonal dürfe nur »seine diplomatische Arbeit machen« und müsse »sich aus der Politik heraushalten«, faßte er ein Telefonat mit US-Außenministerin Hillary Clinton zusammen, die ihn am 26. Oktober angerufen hatte, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren.

Vor 13 Monaten hatte das Andenland am Abgrund eines Bürgerkriegs gestanden. Die von den lokalen Eliten kontrollierten Regionalregierungen der Departamentos im Tiefland lehnten sich offen gegen die Zentralregierung in La Paz auf. Gestoppt werden sollte die Verstaatlichungs- und Umverteilungspolitik der regierenden Bewegung zum Sozialismus (MAS). Botschafter Goldberg wurde damals von der bolivianischen Regierung vorgeworfen, er sei direkt an den Umsturzplänen gegen Morales beteiligt gewesen und habe eine »Balkanisierung Boliviens« betrieben.

Bestätigt in diesen Vorwürfen sieht sich Bolivien durch Goldbergs Beförderung zum mächtigen Pentagon-Chef für Geheimdienste in der vergangenen Woche. Der Karrierediplomat, der schon im Kosovo aktiv zur territorialen Zerstückelung Jugoslawiens beigetragen hatte, sei gemäß seiner Fähigkeiten als »als Diplomat verkleideter Agent« nach Bolivien geschickt worden, erklärte Regierungsminister Alfredo Rada.
Die Obama-Administration ist vorsichtiger als die Vorgängerregierung von George W. Bush.

Doch an das neue Selbstbewußtsein der südamerikanischen Linksregierungen muß sich Wa­shington wohl noch gewöhnen. Im früheren »Hinterhof« Lateinamerika haben die USA durch den wachsenden Einfluß neuer Akteure wie Rußland, China, Indien und Iran nicht mehr das Sagen. Clinton will deshalb unter Bush verloren gegangenes Terrain wieder gutmachen und scheint zu Konzessionen bereit.


Quellennachweis für diesen Beitrag:jungeWelt – Montag 09. November 2009, Nr. 259 | – Die Veröffentlichung wurde uns von jungeWelt genehmigt. Danke dafür!


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