Rahmstorf und der Spiegel: Ende einer Ehe?

Donnerstag, 19. November 2009-12:02 -|-Thema: Umwelt

Von Peter Heller | Readers Edition | – Jahrelang konnte man glauben, das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und das Nachrichtenmagazin Der Spiegel wären in einer engen Liebesbeziehung verbunden. Der Spiegel fungierte als zusätzliche Pressestelle des PIK und seiner Aushängeschilder Schellnhuber und Rahmstorf.

Keine Pressemitteilung der Wissenschaftler war zu banal, als dass sie nicht umgehend den Weg in das Blatt gefunden hätte.

Von den Temperaturen in Potsdam über die unspektakulären Resultate der Diplom- und Doktorarbeiten Rahmstorfer Studenten – alles, aber auch wirklich alles wurde umgehend veröffentlicht. Und meist war der Spiegel die einzige deutsche Postille von Rang, denen der stetige Strom der PIK-Verlautbarungen überhaupt eine Nachricht wert war. Und fanden diese nicht den Weg in die gedruckte Ausgabe, so wurden sie doch vom Online-Ableger bereitwillig aufgegriffen. Manchmal wörtlich und manchmal auch durch die Nachwuchsjournalisten der Internetredaktion bearbeitet und auf Sensation getrimmt.

So funktionierte die Symbiose zwischen der Presse und insbesondere Stefan Rahmstorf. Letzterer lieferte am laufenden Band Meldungen über die bevorstehende Katastrophe, die von ersteren als Futter für ihre Klimaschutz-Kampagne ideal eingesetzt werden konnten. Für junge Redakteure, die Umweltthemen angesichts des aktuellen Hypes als ideales Karrieresprungbrett ausgemacht hatten und für den Professor aus Potsdam, der eigentlich Politiker im Gewand des Forschers ist, eine ideale Symbiose.

Da überrascht der Paukenschlag, mit dem der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe diese Ehe beendet. Unter der Überschrift “Das Schwächeln der Sonne” ist da über immerhin drei Seiten erstaunliches zu lesen. Die Erderwärmung wäre “ins Stocken geraten”. Seit zehn Jahren stiege nun “die globale Durchschnittstemperatur nicht mehr an”.

Nein, der Spiegel ist nicht in das Lager der Klimaskeptiker gewechselt. Diese werden in dem Artikel durchaus erwähnt, aber in merkwürdig verdrehter Weise. Denn deren Hinweise auf die stagnierenden Temperaturen werden letztendlich dafür verantwortlich gemacht, dass sich “richtige” Forscher diesem Thema nicht stellen würden.

Zu den richtigen – und den mutigen – Forschern gehören aber scheinbar Mojib Latif (Institut für Meereswissenschaften, Kiel) und Jochen Marotzke (Direktor Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg). Beide kommen in dem Artikel ausführlich zu Wort. Beide räumen die Stagnation der Temperaturen in der vergangenen Dekade ein. Beide also erkennen die Realität und wettern nicht gegen scheinbare Statistik-Tricks der Skeptiker. Und beide lassen den Redakteur ungestraft herausstellen, dass diese Wirklichkeit den Modellrechnungen nicht entspricht. Wunder über Wunder, da werden im weiteren Text doch tatsächlich die schwächelnde Sonne und die Pazifische Dekadische Oszillation (PDO) als mögliche Ursachen genannt. Letztere wird von Latif natürlich favorisiert, es ist ja seine jüngste Hypothese, die Erde würde sich genau wegen der Schwankungen in den ozeanischen Strömungsmustern noch die nächsten zehn bis 15 Jahre nicht weiter erwärmen.

Zwei Vertreter der orthodoxen, konsensgetriebenen Klimaforschung räumen die Dominanz natürlicher Faktoren gegenüber dem von ihnen angenommenen anthropogenen Einfluss ein. Und so findet, etwas verklausuliert, wieder ein Skeptiker-Argument Eingang in den Mainstream der Berichterstattung. Natürlich, natürlich, auch Latif und Marotzke sind nicht unter die Skeptiker gegangen, keine Frage. Und so darf die Warnung, die Katastrophe ginge weiter voran, wenn denn die Sonne wieder aktiv wird und die PDO in eine andere Phase wechselt, nicht fehlen.

Aber war da nicht noch was?

Die ganze Welt weiß, dass die Erde in den letzten zehn Jahren nicht wärmer geworden ist. Die ganze Welt? Nein, ein einzelner unbeugsamer Mann kämpft unverdrossen gegen diesen Konsens an. Ein dunkelgrüner, als Ozeanologe getarnter Politaktivist behauptet unverdrossen, die Erderwärmung beschleunige sich. Schon immer, aber ganz besonders in den letzten zehn Jahren. Und er, Stefan Rahmstorf, wird nicht müde, dies mit wild konstruierten Berechnungen zu belegen. Berechnungen, die weder der Spiegel, noch Marotzke, noch Latif nachvollziehen können.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine solch vernichtende Kritik über einen Forscher im Spiegel gelesen zu haben, wie sie sich Rahmstorf nun gefallen lassen muss. Als “düsterer Prophet aus Potsdam” wird er da charakterisiert. Als “trotzig”. Und Marotzke wird mit den Worten “Ich kenne keinen seriösen Kollegen, der leugnen würde, daß es in den letzten Jahren nicht mehr wärmer geworden ist”, zitiert. Ist Rahmstorf also kein “seriöser Kollege” (mehr)? Marotzke urteilt weiter Rahmstorf habe es “argumentativ aus der Kurve getragen”. Als “kontraproduktiv” bezeichnen Marotzke und Latif im Chor die Rahmstorfsche “Schwarzmalerei”. Und Mojib Latif darf am Ende des Artikels den Todesstoß ausführen. Auf die von Rahmstorf angebotene Klimawette angesprochen antwortet er “Wir sind Wissenschaftler und keine Pokerspieler”.

Stefan Rahmstorf also spielt. So kann man es im Spiegel nachlesen.

Er spielt Poker, mit der Politik, mit der Öffentlichkeit, mit den Medien. Aber nun hat er scheinbar den Bluff übertrieben. Nun wettet selbst seine ehemalige Haus- und Hofzeitschrift, der klimabesorgte Spiegel, gegen ihn. Das Ende einer Ehe? Zumindest eine Absetzbewegung, in der ein Leitmedium beginnt, sich zu emanzipieren und die Realitäten anzuerkennen. Was kann man sich schöneres wünschen in den Tagen vor Kopenhagen?


Quellennachweis für diesen Beitrag:Readers Edition – Dieser Beitrag steht unter einer CC-Lizenz.


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