Für eine Handvoll Almosen
Freitag, 11. Dezember 2009-16:46 -|-Thema: Arbeitsmarkt
Von Roberto J. De Lapuente | ad sinistram | – Kürzlich berichteten einige Medien vom Friendly Service, einer Firma, deren freundlicher Service darin besteht, Mitarbeiter nicht zu entlohnen, sondern sie der Spendierlaune ihrer Kunden auszusetzen. Dabei handelt es sich um eine besonders dreiste Form des Parasitismus.
Die Firma vermittelt junge Menschen, bevorzugt gebildete Jungspunde an Supermärkte, staubt eine kleine Prämie ab und läßt den Vermittelten nicht daran teilhaben.
Dafür dürfen die im Polo-Shirt Uniformierten die Waren vom Fließband der Supermarktkassen grabschen und fein ordentlich in Tüten verstauen. Wer besonders demütig zu Werke geht, seinen Dienst leise und kompetent verrichtetet und auch das obligatorische Lächeln nicht verbummelt hat, dem ist ein kleiner Groschen als Symbol der Anerkennung sicher – oder auch nicht. Die Willkür der Kundschaft ist gnadenlos, zumal sie nicht immer weiß, dass diese Arbeitskräfte keine Lohnempfänger des Supermarktes sind, sondern von der Straße geholte Bettelstudenten.
Als deutsche Wiege dieser freundlichen Leistung gilt die oberbayerische Stadt Ingolstadt, Heimatstadt des Autors dieser Zeilen und leider auch Heimatstadt der besagten Firma. Dem Autor fielen diese oft naiv dreinblickenden Jünglinge schon vor einigen Jahren auf, jedoch wußte er nicht, dass es sich dort um kostenlose Arbeitskräfte von Trinkgelds Gnaden handelte, denen nicht einmal ein Grund- oder Basislohn zusteht.
Eine Weile munkelte man in Ingolstadt, es handelte sich um Ein-Euro-Arbeitskräfte, vermittelt von der Behörde. Doch natürlich bahnte sich die Wahrheit behäbig ihren Weg – schnell bahnt sich nur die Lüge Wege, die Wahrheit ist immer eine Schnecke. Aber erst seitdem einige einflussreichere Medien davon berichteten, seitdem die Praxis von Friendly Service nachteilig dargestellt wurde – wie auch sonst? -, entrüsteten sich immer mehr Menschen.
Und es hat gefruchtet, die örtliche Journaille berichtet in ihren Printausgaben, dass sich einige Ingolstädter Supermärkte von diesem Service trennen möchten. Sie fänden es sittenwidrig, Menschen unter solchen Konditionen (eigentlich zu gar keinen Konditionen!) arbeiten zu lassen.
Man wolle das nicht mehr unterstützen und habe vor, die Zusammenarbeit aufzukündigen. Herrlich heuchlerisch! Als ob die Supermärkte jahrelang nicht gewusst hätten, mit welcher Art von Räubertum man es hier zu tun hatte. Man hat sich blind gestellt und nun, da schlechte Presse ins Haus flatterte, zumal in Zeiten, da Ingolstädter Supermärkte über ausbleibende Kunden jammern, nun reitet man die Unschuldsnummer.
Wir haben doch nichts gewusst! Wie flexibel Unternehmen doch reagieren können, wenn aus einer Handvoll Kritikern öffentliche Kritik wird. Außerdem steht man kurz vor Weihnachten. Wer will denn zur Adventszeit schon unmoralisch sein?
Weniger Bedenken haben die Einpacker selbst. Sie fühlen sich um ihre Einnahmequelle betrogen.
Das verwundert wenig – wenn man die Internetpräsenz des Unternehmens besucht, versichern einige der prekär Beschäftigten überschwänglich, wie sensationell es sei, bei Friendly Service versklavt zu sein.
Man wird schon von Anfang an dafür Sorge tragen, dass nur solche dort tätig werden, die einen pathologischen Hang zum Masochismus haben. Ebenso entrüsten sich manche Kunden, die es bequem fanden, ihre Ware eingepackt zu bekommen. Prekäre Beschäftigung erhalten, lautet ihr Credo, damit diese Bequemlichkeit nicht verloren geht: an dieser Stelle wurde ja schon desöfteren von Egomanie gesprochen, die unsere Zeit marmoriert – tragisch, dass sich das wieder einmal unterstreichen läßt.
Auf der einen Seite Neigung zum Masochismus, auf der andere Seite Bereitschaft zum Sadismus – man erkennt die ganze Verwegenheit eingeimpfter Arbeitsmarktideologien. Hauptsache Arbeit! Solche Maximen sind verinnerlicht, sosehr, dass niemand mehr daran zu rütteln scheint. Ehrenhaft ist, wer kostenlos arbeitet; ein Querulant ist, der auf Sitte und Arbeitnehmerrechte achtet…
Quellennachweis für diesen Beitrag: – Roberto J. De Lapuente von ad sinistram. Dieser Beitrag steht unter einer CC-Lizenz. Bildnachweis: womblog.de – eigener Screenhot aus Webauftritt – Friendly Service











