Der Krieg kehrt heim
Montag, 18. Januar 2010-15:18 -|-Thema: Fakten-Zahlen-Geschichte, Israel Irak Iran, Krieg, NATO, USA, ausland
Von Eli Clifton, Washington (IPS) | jungeWelt – 16./17.01.10 | – In den USA hat die Zahl der Selbstmorde unter ehemaligen Soldaten sprunghaft zugenommen. So berichtet das Ministerium für Kriegsveteranen (VA) für den Zeitraum 2005 bis 2007 von einem Anstieg um 26 Prozent.
Suizidgefährdet sind vor allem Heimkehrer aus Afghanistan und dem Irak. Ein Fünftel der jährlich 30000 Selbstmorde in den USA werde von Kriegsveteranen begangen, sagte der zuständige Minister Eric Shinseki kürzlich auf einer Konferenz in Washington. Dies bedeutet, daß sich im Durchschnitt jeden Tag 18 Exmilitärs das Leben nehmen.
Experten führen den dramatischen Anstieg vor allem auf die Kriegseinsätze in Afghanistan und im Irak zurück. Rund 20 Prozent aller US-Heimkehrer aus diesen beiden Ländern müßten wegen posttraumatischer Belastungsstörungen behandelt werden, geht aus einer Studie der Denkfabrik »Rand Corporation« hervor.
In den USA gebe es inzwischen fast zwei Millionen Menschen, die im Irak und in Afghanistan gekämpft hätten, sagte der Journalist Aaron Glantz, der das Buch »The War Comes Home« (Der Krieg kehrt heim) geschrieben hat. Das Land sei aber nach wie vor nicht ausreichend darauf vorbereitet, eine Epidemie von Veteranenselbstmorden zu verhindern, meinte er im Gespräch mit IPS.
Glantz kritisierte, daß Präsident Barack Obama die US-Truppen in Afghanistan weiter aufstocke, ohne einen zügigen Abzug aus dem Irak in die Wege zu leiten. Die Zahl der Veteranen mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen werde also künftig weiter zunehmen. Gesundheitsexperten wiesen außerdem darauf hin, daß US-Soldaten im Irak und in Afghanistan viel länger stationiert sind als an früheren Einsatzorten.
Auch dies führt zu höherem Streß.
Für diese Soldaten sei es besonders schwierig, sich nach ihrer Rückkehr zurechtzufinden, betonte der republikanische Abgeordnete Michael McMahon, der den Kongreßausschuß »Invisible Wounds« (Unsichtbare Wunden) gegründet hat. Er forderte die Ministerien für Verteidigung und Kriegsveteranen auf, Spezialisten zu beschäftigen, die die von der Front heimkehrenden Männer und Frauen mit psychischen Beschwerden richtig betreuen können.
Ihnen wie bisher lediglich einen Fragebogen vorzulegen, reiche nicht aus.
Das Kriegsveteranen-Ministerium war im April 2008 in die Kritik geraten, als interne Emails an die Öffentlichkeit gelangten. Aus ihnen ging hervor, daß das Ministerium versuchte, die hohe Zahl der Selbstmorde zu vertuschen. Seit dem Amtsantritt von Präsident Obama scheint die US-Regierung jedoch mehr auf Transparenz zu achten. So hielt das VA kürzlich eine Konferenz ab, auf der das Suizidthema umfassend diskutiert wurde.
Im vergangenen Jahr hatte Obama bereits angekündigt, das Budget des Ministeriums in den kommenden fünf Jahren um 25 Milliarden Dollar aufzustocken.
Unabhängige Beobachter befürchten jedoch, daß die Regierung das Problem trotz aller Anstrengungen nicht in den Griff bekommen wird. »Der erste Golfkrieg war nach wenigen Monaten vorbei«, sagte Glantz. In Afghanistan werde dagegen bereits seit neun Jahren und im Irak seit sieben Jahren gekämpft. Die meisten Veteranen seien dort mehrfach im Einsatz gewesen, betonte er. Mit solch langen Belastungen hätten die Soldaten noch nicht einmal während des Vietnamkriegs fertigwerden müssen.
Nicht nur viele Veteranen, sondern auch Armeeangehörige an der Front halten dem Druck nicht mehr stand. Von Januar bis November 2009 begingen 147 aktive Soldaten Selbstmord, 20 mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Suizide unter Reservisten erhöhte sich im selben Zeitraum von 50 auf 71.











