Hollywood in Mérida

Donnerstag, 28. Januar 2010-10:27 -|-Thema: Lateinamerika, Venezuela

Von Jan Ullrich | Portal amerika21.de | – Ein Spielbericht mit Beschreibungen von Augenzeugen aus der Andenstadt Mérida in Venezuela – Am Montag dieser Woche kam es in der Universitätsstadt Mérida, im Südwesten Venezuelas, zum wiederholten Male zu gewaltsamen Auseinandersetzungen…

zwischen oppositionellen Studierenden, der ortsansässigen urbanen Guerillabewegung Tupamaro, frustrierten Jugendlichen, der Polizei und Bewohnerinnen eines anliegenden Wohnblocks. Mit zwei Toten hat die Gewalteskalation in der Andenstadt einen neuen Höhepunkt erreicht.

Am frühen Nachmittag hatte zunächst alles wie gewohnt begonnen. Die oppositionellen Studierendenverbände, allen voran die „Bewegung 13. April“, hatte gegen die vorübergehende Abschaltung des Fernsehkanals RCTVI (Radio Caracas Televisión Internacional) aufgerufen.

Auf diese Art von Aufrufen folgen in Mérida in der Regel sogenannte Disturbios. Diese Unruhen sind in Mérida mittlerweile traurige Routine. Auch deshalb verfolgen sie die Bewohner und Bewohnerinnen der Stadt oft mit Schmunzeln. Ihr Sensations- und Nachrichtenwert ist jedoch begrenzt.

Die Disturbios setzen in großer Regelmäßigkeit kurz vor den Semester- und Schulferien ein, um damit die Universitätsleitung zur Verlängerung der freien Zeit zu zwingen. Politische Forderungen werden oft erst während oder nach den Disturbios aufgestellt, manchmal geht es um das Essen in der Mensa, dann mal wieder um die Autonomie der Hochschulen, um oder gegen Präsident Hugo Chávez.

Wichtig ist in jedem Fall der Eventcharakter der Disturbios. Eine der Hauptverkehrstraßen mit dem Namen "Las Americas" wird bei diesen Anlässen weiträumig gesperrt. Am unteren Ende eines rund zwei Kilometer langen Abschnitts versammeln sich Polizeieinheiten, die vor allem darauf bedacht sind, immer in der Nähe Schatten spendender Bäume zu operieren. Am oben Ende des Straßenabschnitts postieren sich Studierende, selbst darauf bedacht, immer in der Nähe des Eingangs zur Uni zu operieren.

Deren Autonomiestatus garantiert ihnen nämlich ein von der Polizei nicht antastbares Rückzugsgebiet. Das Universitätsgelände dient daher als permanentes Lager für die wichtigsten Utensilien der Disturbios: alte Autoreifen, nach Möglichkeit von LKWs oder Bussen, und handliche Steine. Nur manchmal werden zusätzlich Brandsätze gebastelt und gesellen sich zu den bereits bekannten und vertrauten Mitteln.

Der Ablauf der Disturbios entspricht einer recht gut einstudierten Choreografie: Die Studierenden zünden Autoreifen in der Mitte des Straßenabschnitts an. Badminton das Netz beim Badminton trennt diese Barrikade beide Spielgruppen. Auch dient es als Startsignal für andere spaßorientierte Jugendliche, die ihre Fernseher ausschalten und aus den anliegenden Wohnvierteln herbeieilen. Nun kommt der äußerst wichtige Steintransporter ins Spiel.

Mit einem durchaus sehenswerten hellblau lackierten US-Schulbus aus den 1970ern, auf dem der Aufdruck „Universität der Anden“ prangt, werden große Plastiktonnen in die Nähe der Straße gefahren. Die in diesen Tonnen verwahrten Steine prasseln dann auf die am unteren Ende der Straße bereits gespannt wartenden Polizisten nieder. Diese antworten umgehend mit Tränengas und Gummigeschossen.

In der Regel sind die Studierenden das motiviertere Team, rücken vor und zurück, um nach drei bis vier Stunden erschöpft den Rückzug anzutreten.

Die Universitätsleitung erklärt je nach Fall nach ein bis vier Tagen das Ende der Ferien.

Die Polizei wirkt im Vergleich zu deutschen Einsatzhundertschaften in ähnlichen Situationen eher unmotiviert und versucht vor allem Verletzungen zu vermeiden. Am Ende des Tages gibt es dann trotzdem meistens einige leicht bis schwer verletzte Polizisten und von Gummigeschossen schmerzende Oberkörper der Studierenden, deren Blutergüsse dann den nächsten Tag in der Regionalpresse die Titelseite schmücken. Tote gibt es bei den Disturbios äußerst selten, trifft aber, wenn überhaupt, ausnahmslos Unbeteiligte, die unbeabsichtigt zwischen die Fronten geraten sind.

Sachschaden entsteht bei den Disturbios vor allem an Autos, deren Besitzer von der Ankündigung der Studierendenverbände nichts mitbekommen haben und ihre Wagen deshalb nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten.

Seit bei einem Löschversuch vor einigen Jahren ein Feuerwehrfahrzeug dran glauben musste, verhält sich diese eher neutral. Beliebtes Ziel ist auch eine am äußersten Ende des Straßenabschnitts gelegene Tankstelle. Allerdings haben mehrere ehrgeizige Versuche bisher nicht zur Explosion geführt. Dafür wurde die benachbarte Apotheke während einer der letzten Disturbios vollständig zerstört.

Warum sich die Wut der Studierenden ausgerechnet gegen eine Apotheke wendete, blieb allerdings genauso unklar wie die Abbrennen eines gerade erst in Betrieb genommenen Fahrzeugs der städtischen Müllabfuhr.

Soweit, so gut. Die Disturbios sind also relativ überschaubar. Sie fangen an und hören wieder auf. In der Regel. Es gibt nämlich noch eine Variable die vollkommen unabhängig von den bisher genannten Konfliktakteuren operiert und von denen man noch viel weniger erfährt, um was es ihnen eigentlich geht: Die Tupamaros. Einst im Sinne der guevaristischen Doktrin als Stadtguerilla gegründet, verteidigt sie heute in Mérida in erster Linie ihre eigene Existenz und Zimmer im Studentenwohnheim.

In anderen Städten Venezuelas kämpfen sie je nach Risikobereitschaft gegen die Drogenkartelle und die ihnen nahe stehenden Banden. Für die Disturbios ist wichtig zu wissen, dass die Tupamaros wie aus dem nichts auftauchen und sich im Konfliktfeld zwischen der rechtsextremen Bewegung „Movimiento 13“ und den spaßorientierten Jugendlichen sowie der Polizei etablieren.

Die Tupamaros sind prinzipiell gegen die Polizei, sie sind aber auch prinzipiell gegen die reaktionären Studierendenverbände. Gleichzeitig sind sie aber für die Autonomie der Hochschulen und solidarisieren sich gegen staatliche Repression. Ihr Verhältnis zur Regierung Chávez ist gespalten. Diese Gemengelage wird umso brisanter, als die Mehrheit der Tupamaros über eine exzellente Waffenausbildung verfügt und gleichzeitig Waffen besitzen. Auch die Aktivisten der „Bewegung 13. April“ haben sich deshalb in den letzten Jahren scharfe Waffen zugelegt.

Dies war die Ausgangslage zu Beginn dieser Woche. Hinzu kommt die genervte Bevölkerung. Diese hatte bereits in der Vorwoche die Strategie der brennenden Reifen aufgenommen, um gegen die permanenten Stromausfälle zu protestieren. "Ohne Strom kein Fernsehen, ohne Fernsehen Langeweile", so die einfache Gleichung. Dabei belässt es die einfache Bevölkerung jedoch nicht nur beim Abbrennen von Reifen. Wie beim Fußball bringen neue Spieler auch hier neue Methoden ins Spiel.

Eine dieser Methoden war am Montag Essig. Ja, richtig: Salatessig. Diesen schütteten Anwohnerinnen aus ihren Fenstern. Das zu Beginn übersichtlich wirkende Spielfeld ist damit in Chaos verfallen. Reaktionäre Studierende oben, Polizei unten, die Tupamaros überall, aus den anliegenden Wohnhäusern Essigattacken von genervten Anwohnern und dazu ein unterhaltungssüchtiges Publikum ohne Fernsehen.

Die genauen Geschehnisse sind einem Augenzeugenbericht entnommen, der dem Autor während der Geschehnisse aus dem 4. Stock eines angrenzenden Wohnhauses live per Skype übermittelt wurde:

"Ich glaube, Hollywood hat bei uns bleibende Schäden hinterlassen. Während des gesamten Nachmittags fand das gewöhnliche Spiel statt. Die Studenten oben mit den Steinen, die Polizei unten mit dem Tränengas und den Gummigeschossen. Aber dann wurden auf einmal neue Spielfelder eröffnet: neben dem „Calipso“ (einem Einkaufzentrum), in der Straße Los Proceres (die zweite Hauptverkehrsader), im Zentrum und in der Straße Don Tulio (wo die medizinische Fakultät ihren Sitz hat). Dazwischen überall Schaulustige.

An der großen Kreuzung (am unteren Ende des Spielfelds) stand eine große Gruppe von Personen, die applaudierte und das Treiben begeistert anfeuerten, als ob sie gerade ein Kinofilm sehen würde. Dort waren normale Leute – Frauen, Kinder, alte Menschen – Hunde und Katzen und vermutlich sogar ein Papagei. Die Leute haben das einfach als Unterhaltung wahrgenommen. Sie haben entschieden, das ganze als eine Art Spielfilm zu begreifen, eine echte Reality-Show, bei der sogar das Blut echt ist, das über die Straße fließt. Die Schreie und das Adrenalin – alles besser als 3-D-Kino.

Gerade zünden sie ein Auto gegenüber der Wohnsiedlung Las Marias an. Ich vermute sie wollen wissen, ob das genauso explodiert wie in den Fernsehshows. Aber eine meiner Favoriten für heute sind die Damen, die aus den Fenstern mit Flaschen schmeißen. Flaschen mit Essig, ein wahrhaftig saurer Regen. Die Studierenden versuchen, sie zu fangen und werfen die noch halbvollen Flaschen weiter. Stell dir die Szene vor und stell dir vor, es gebe hier wirklich eine Revolution, eine, bei der die Menschen für eine gerechte Sache auf die Straße gehen. Würden die Doñas sie auch mit Essig beschmeißen? Ich fürchte, ja, das würden sie."

Das Ergebnis der Auseinandersetzungen in Mérida ist diesmal leider alles andere als lustig. Ein 16-jähriges Mitglied einer linksorientierten Studierendengruppe wurde von Mitgliedern der rechtsradikalen „Bewegung 13. April“ erschossen. Am Abend wurde dann ein 28-jähriger Medizinstudent, angeblich der rechten Opposition angehörig, von den Tupamaros erschossen. Wer wen auf dem Gewissen hat, und warum, wird sich vermutlich schwer klären lassen. In der Stadt brannten überall Reifen und Geschäfte. Am Dienstag rückte die Nationalgarde mit Panzern an.

Quelle: – Portal amerika21.de – Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von amerika21.de, zur Veröffentlichung hier auf womblog.de.

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