Neusprech: Innovative Verhörmethoden

18 | 03 | 2010

Von Epikur | ZG Blog | – Meldung auf Telepolis vom 22. November 2005- Gibt man bei der Suchmaschine Google den Begriff »Verhör ­methode« ein, kommt als erster Eintrag die sog. Waterboarding ­ Folter auf Wikipedia. Umstrittene und grausame Verhörmethoden sind die weiteren Einträge.

Dies zeigt sofort auf, dass selbst Google, den Terminus Verhörmethode als einen Euphemismus für Folter definiert. Das Adjektiv innovativ verhält sich ähnlich wie das Plastikwort »modern« – es wird als positive Aufladung für das darauf folgende Nomen verwendet. Innovativ soll neu, kreativ, modern und dem Zeitgeist entsprechend bedeuten. Ob und inwiefern eine Sache wirklich innovativ dann ist, steht auf einem anderen Blatt.

Eine »innovative Verhörmethode« ist insofern ein Euphemismus für eine besonders kreative Folter. Dazu zählen das simulierte Ertrinken (Waterboarding), stundenlanges Verharren in der halben Hocke,  einen Gefangenen extremer Hitze, Kälte oder permanentem gleißenden Licht auszusetzen, Dunkelheit oder extremem Lärm auszuliefern, Elektroschocks, Isolationshaft und ein ständiges Wecken des Gefangenen.

Am 26. Juni 1987 trat die Anti-Folter-Konvention der Vereinten Nationen in Kraft. Mittlerweile sind 146 Staaten diesem Vertrag beigetreten, auch die USA haben ihn mit ratifiziert. Als die UN im Jahre 2002 jedoch ein Zusatzprotokoll verabschieden wollten, das festlegen sollte, dass nationale und internationale Organisationen das Anti-Folter Verbot mit überwachen durften, versuchten die USA dieses zum Scheitern zu bringen. Dabei befanden sie sich in Gesellschaft von z.B. China, Kuba und Lybien.

Die UN definiert Folter wie folgt:

Im Sinne dieses Übereinkommens bezeichnet der Ausdruck »Folter« jede Handlung, durch die einer Person vorsätzlich große körperliche oder seelische Schmerzen oder Leiden zugefügt werden, zum Beispiel um von ihr oder einem Dritten eine Aussage oder ein Geständnis zu erlangen.

- Artikel 1, Absatz 1 der Anti-Folter Konvention der UN

Die USA beharren nun darauf, dass sie in ihren weltweiten CIA-Gefängnissen, in Abu Ghraib oder Guantanamo Bay nicht gefoltert hätten. In einem Interview mit USA-Today vom 20. November 2005 sagte CIA-Chef Goss sinngemäß:

Der Geheimdienst foltert nicht. Folter funktioniert nicht. Wir verwenden gesetzeskonforme Mittel, um Informationen zu sammeln, und das machen wir in einer Vielzahl von einzigartigen und innovativen Weisen, die alle legal sind und von denen keine Folter ist.

Die USA foltern nicht, sie verhören. Wieder ein Beispiel dafür, wie versucht wird, ein Phänomen einfach weg zu retuschieren, indem man es verbal umdefiniert, verherrlicht und verschweigt.

Quelle: – ZG Blog – Mit freundlicher Genehmigung des ZG Blog, zur Wiedergabe hier auf dem womblog.de. Vielen Dank dafür!

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    Axel Mayer 18.03.2010 um 10:25 Uhr

    Neusprech und Greenwash: Über Propaganda und Sprache

    Im Jahr 1949 erschien der berühmte Roman “1984” des englischen Autors George Orwell. Er beschreibt darin eine düster realistische Zukunftsvision, eine moderne Diktatur, einen Überwachungsstaat als Gedankenregime, in dem der allwissende, allsehende „Große Bruder“ die Macht hat. Eine wichtige Form der Herrschaft in dieser Gedankendiktatur ist die Beherrschung und Manipulation der Sprache.

    “Krieg ist Frieden
    Freiheit ist Sklaverei
    Unwissenheit ist Stärke“
    George Orwell

    Die Manipulation von Sprache als Mittel der Machtausübung und Unterdrückung ist vermutlich so alt wie die Sprache selbst. Gerade auch in der Zeit des Faschismus wurde Neusprech politische und propagandistische Realität. Hitler hat nicht immer von Krieg gesprochen, wie uns das eine vereinfachende Geschichtsdeutung weismachen will. Er hat in den ersten Jahren der Machtausübung immer wieder von Frieden gesprochen, aber Krieg gemeint. Das Gift des Bösen war durchaus auch in Zucker getaucht. Wenn es der Geschichtsunterricht an den Schulen nicht wagt, diesen geschickt gestreuten “Zucker” zu beschreiben, dann können die Mechanismen der Propaganda nicht verstanden werden.

    Vernichtungslager – Konzentrationslager
    Massenmord – Endlösung

    Auch heute wird Sprache zur Desinformation missbraucht. Dies gilt insbesondere für die Sprache des Militärs, gerade auch in Kriegszeiten. Das vom Nürnberger Waffenproduzenten Werner Diehl, in Kooperation mit dem Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall, gegründete Gemeinschafts- unternehmen “Gesellschaft für intelligente Wirksysteme” stellt laut TAZ vom 2.3.09 u. a. “intelligente” Streubomben her, die nicht Streubomben genannt werden dürfen. Das orwellsche „Krieg ist Frieden“ galt auch für die deutsche Bundesregierung im lange Zeit unerklärten Krieg in Afghanistan. Ein asymmetrischer Krieg der in der öffentlichen Darstellung aber nicht so genannt werden sollte. Erschreckend erfolgreich waren die Vorkriegs- und die Kriegslügen der Bush-Regierung. Dass Diktatoren lügen wissen wir. Unsere Aufgabe als Demokraten ist es, den Lügen in der Demokratie entgegenzutreten.

    Tötung von Zivilisten – Kollateralschäden
    Waffen & Streubomben – Intelligente Wirksysteme
    Militärischer Auftrag mit der Option zu töten – Robustes Mandat
    Angriff – Vorwärtsverteidigung
    Folter – Umstrittene Verhörmethode

    Neusprech muss nicht immer nur die Ersetzung oder Neuschaffung von Begriffen sein. Manche alten, wohlklingenden Begriffe werden einfach umgedeutet. 1969 wollte Willy Brandt gegen den politischen Muff und Filz der Nachkriegszeit „mehr Demokratie wagen“ Gemeint war damit der Wunsch und der Wille „mehr Reformen zu wagen“. Über Jahrzehnte hat eine gezielte Umdeutung dieses positiv besetzten Begriffs stattgefunden. Heute steht das Wort „Reform“ für Sozialabbau und den neoliberalen Umbau der Gesellschaft. Niemand hat sich gegen diesen Missbrauch des Begriffs gewehrt. Auch über die Begriffe “Arbeitnehmer und Arbeitgeber” lohnt es sich nachzudenken. Wer gibt und wer nimmt?

    Entlassung, Kündigung – Freisetzung
    Sozialabbau – Reformen
    Gerechtigkeitsdebatte – Neiddebatte

    Selbst bei “unpolitischen” Naturschutzthemen gibt es Neusprech: “Durch eine umfassende Untersuchung konnte nachgewiesen werden, dass die seit 1912 in Baden-Württemberg “ausgestorbenen” Wildkatzen wieder in den Wäldern des Landes umherstreifen.” (Zitatende) Ausgestorben” ist ein seltsam beschönigendes Wort. Es klingt nach “still von uns gegangen”. Bekämpft, verfolgt, ausgerottet, ausgemerzt…, diese Begriffe beschreiben den Umstand des “Aussterbens” ein wenig treffender.

    Verfolgt, Ausgerottet, Ausgemerzt – Ausgestorben

    Wenn es um die Durchsetzung von Industrieinteressen gegen Mensch, Natur und Umwelt geht, dann setzen Atom-, Gen- und Chemielobbyisten schon lange auf Greenwash. Neusprech ist bei den großen PR-Firmen zwischenzeitlich Tagesgeschäft, gerade auch wenn nach großen Industrieunfällen (Bhopal, Seveso, Toulouse…) Krisenkommunikation als gezielte Desinformation betrieben wird. Mit dem gezielt eingeführten Kampfbegriff “Ökologismus” versuchen Industrielobbyisten und neoliberale Netzwerke positiv besetzte Begriffe wie Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Ökologie zu ersetzen, Zukunftsfähigkeit zu diskreditieren und die Umweltbewegung in die politische Nähe von Sekten zu stellen.

    Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Ökologie – Ökologismus
    Pestizid – Pflanzenschutzmittel
    Kohlendioxid (CO2) Abgas-Pipeline – Klimaschutzpipeline
    Gift – Wirkstoff
    Beseitigung von Giftmüll – Entsorgung
    Abwrackprämie – Umweltprämie
    Müllverbrennung – Thermische Abfallbehandlung

    Eine Blüte der Desinformation und des Greenwash erleben wir im Zusammenhang mit Klimawandel und Atomenergie. „Es gibt keine menschengemachte Klimaveränderung“ war eine der vielen Werbeaussagen der PR-Firma Burson Marsteller im Auftrag der Öl- und Kohlekonzerne in den USA. „Wegen der drohenden Klimaveränderung brauchen wir unbedingt mehr Atomkraftwerke“ ist nun die gegensätzliche, neue Werbebotschaft von Burson Marsteller, denn die industriellen Meinungsmacher arbeiten jetzt auch für die Atomkonzerne. Der Begriff Atomkraftwerk wird von vielen Menschen immer noch mit der Atombombe assoziiert. Darum wurde schon vor Jahrzehnten der harmloser klingende Begriff der Kernenergie eingeführt. Eine Offenbarung in Sachen Neusprech ist die Notfallschutzbroschüre des Regierungspräsidiums Freiburg für das AKW Fessenheim. Aus dem Katastrophenschutz wurde der Notfallschutz, aus dem Atomunfall das Ereignis und Radioaktivität tritt bei diesem Ereignis nicht etwa unkontrolliert aus, sondern Radioaktivität wird freigesetzt… Auch auf vielen Wikipediaseiten heißt der AKW-Schornstein zur Abgabe von krebserzeugender Radioaktivität immer noch Abluftkamin.

    AKW – KKW
    Atomkraftwerk – Kernkraftwerk
    Plutonium-AKW – Schneller Brüter
    Atommülllager – Entsorgungspark
    Atomunfall – Ereignis
    Atomkatastrophe – Bedeutsames Ereignis
    Katastrophenschutz – Notfallschutz
    Katastrophenschutzbroschüre – Notfallschutzbroschüre
    Austritt von Radioaktivität – Freisetzung von Radioaktivität
    Entgiftung – Dekontamination
    AKW-Schornstein – Abluftkamin

    George Orwell war ein realistischer Visionär. Er hat Neusprech, die Gedankendiktatur und den Überwachungsstaat beschrieben. Viele Diktaturen des letzten Jahrhunderts in Ost und West waren schrecklich, aber glücklicherweise technisch noch unvollkommen. Heute, in der Demokratie, sind wir da technisch „weiter“. Das zentrale Problem der Menschen sind nicht die unter entsetzlichen Opfern überwundenen Katastrophen und Diktaturen. Das Problem ist unsere offensichtliche Unfähigkeit daraus zu lernen. Gegen Neusprech, Propaganda und Greenwash lässt sich in der real existierenden Demokratie leichter angehen als in einer Diktatur. Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir beginnen, uns gegen die Manipulation der Sprache und des Denkens zu wehren?

    Ein persönlicher Beitrag von Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer, Kreisrat im Kreistag Emmendingen, Vizepräsident TRAS

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