30 Jahre peace brigades international (pbi)
Dienstag, 25. Oktober 2011 | Hintergrundberichte u. Analyse |
Womblog.de– Interview von Knut Henkel mit Claudia Samayoa von der guatemaltekischen Menschenrechtsorganisation UDEFEGUA.
Die Organisation wurde 2004 gegründet, um die Sicherheit von Menschenrechtsaktivisten zu erhöhen. Sie bietet Beratung, psychologische Hilfe und Unterstützung für Menschenrechtsverteidigerinnen an, dokumentiert Fälle und fordert Schutz ein. Aufgrund dieser Arbeit hat die Organisation und Claudia Samayoa selbst auch Drohungen erhalten und wird von PBI daher begleitet und unterstützt.
Welche Bedeutung hat die Menschenrechtskonferenz in Berlin anlässlich des 30. Jubiläums der PBI-Gründung. Welche Erwartungen haben Sie?
Das ist ein internationale Plattform, um sich austauschen, zu diskutieren, sich zu vernetzen und die Mechanismen unserer Arbeit unter die Lupe zu nehmen. Wir haben die Chance uns mit Menschen, die die gleiche Arbeit in anderen Ländern leisten, auszutauschen, zu lernen und unsere Arbeit so auch eventuell zu verbessern, Risiken zu minimieren, aber auch auf unsere Situation aufmerksam zu machen.
Sie beziehungsweise ihre Organisation steht in ständigen Austausch mit den Friedensbrigaden … .
Ja, wir haben das Privileg von Beginn an von den Friedensbrigaden begleitet und beraten zu werden. Das ist ein großer Vorteil für uns, denn so befinden wir uns auch in einem stetigen Austausch über die Mechanismen von Schutz, die wir anwenden, können unsere Erfahrungen austauschen und die Situation in einem Land wie Guatemala, wo die organisierte Kriminalität und der Drogenschmuggel zu wichtigen Faktoren geworden sind.
Welche Erfahrungen haben Sie in diesem Kontext gemacht?
Ich persönlich stehe mit den Friedensbrigaden schon seit Mitte der 90er Jahre in Kontakt und habe im Laufe der Jahre die Strukturen von ihrer Arbeit kennengelernt. Es handelt sich ja nicht nur um die Begleitung von Menschenrechtsaktivisten, die gefährdet sind, sondern auch um die Weiterbildung von Menschenrechtsaktivisten, die Einspeisung von Informationen in das internationale Netz und diplomatische Arbeit. Viel Arbeit findet hinter den Kulissen statt, ist nicht sichtbar, trägt aber Früchte.
Andererseits ist die Arbeit im Laufe der Jahre deutlich schwieriger geworden, denn die organisierte Kriminalität kontrolliert in Guatemala ganze Regionen und dadurch wird unsere Arbeit zusätzlich erschwert.
Ist die Informationsarbeit oder die konkrete Begleitung von MenschenrechtsverteidigerInnen das ausschlaggebende Element der Arbeit von PBI?
Sie ergänzen sich und ich würde sie nicht separat betrachten. Die Begleitung durch die Freiwilligen ist ein gewisser Schutz, sie zeigt, dass die Menschenrechtsaktivisten nicht allein sind, das sie internationalen Rückhalt haben. Das ist wichtig, macht Mut, aber die Informationsarbeit, das Insistieren bei den nationalen Behörden die Menschenrechtsverteidigerinnen zu schützen, Gesetze einzuhalten ist genauso wichtig. Das eine gehört zum anderen.
Wie ist die aktuelle Situation ihrer Organisation in Guatemala?
Sie hat sich verschlechtert, denn wir sind selbst zum Objekt von Drohungen gegeben, es ist an Fahrzeugen manipuliert worden und wir werden von den Friedensbrigaden bei Einsätzen nun auch begleitet. Die jüngste Serie von Drohungen steht im Zusammenhang der Menschenrechtsarbeit in einer vom Drogenschmuggel kontrollierten Region.
Wo liegt der Arbeitschwerpunkt von La Unidad de Protección a Defensoras y Defensores de Derechos Humanos, der Schutzeinheit für Verteidiger und VerteidigerInnen der Menschenrechte (UDEFEGUA)?
Wir beraten und begleiten Verteidiger und VerteidigerInnen der Menschenrechte bei Ihrer Arbeit in Guatemala, zeigen Verletzungen der Menschenrechte bei Polizei und den Behörden an, haken nach, dokumentieren und bieten auch psychologische und psychosoziale Hilfe an. Wir helfen aber auch den Familien und den Kindern von Menschenrechtsaktivisten, so zum Beispiel wenn sie ihr Dorf oder Stadtviertel aufgrund von Drohungen verlassen müssen und wir helfen auch den Witwen und Witwern, wenn Menschen ermordet werden. Alles im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten.
Welche Bedeutung hat das Dokumentieren von Menschenrechtsverletzungen?
Das ist ein wichtiger Aspekt unserer Arbeit. Als wir die ersten Schritte in diese Richtung machten, Verbrechen aufzeichneten, hieß es wir würden den Frieden boykottieren – nur weil wir für die Ahndung von Verbrechen eintraten. Es hat gedauert bis man unsere Arbeit zu akzeptieren begann und heute ist sie anerkannt. Sie wird auch herangezogen, um die internationale Gemeinschaft über die Situation der Menschenrechte in Guatemala zu informieren.
Sie engagieren sich schon sehr lange für die Wahrung der Menschenrechte. Woher nehmen sie die Energie und die Motivation, denn die Situation ist doch alles andere als besser geworden?
Aus meiner Überzeugung, denn die Ungerechtigkeit muss mit der Wurzel beseitigt werden. Ich muss den Menschen, die für die Menschenrechte eintreten, doch helfen. Das gebietet mir auch meine katholisches Erziehung.
Im Süden Guatemalas ist die Situation derzeit besonders brisant. Es hat in den letzten Monaten mehrere Morde an Gewerkschaftern gegeben. Das erinnert an Kolumbien .….
Ja, die Perspektiven sind recht schwarz, für alle Sektoren, die Gewerkschaften, die Frauen, die Bauern eingeschlossen. Es macht uns Sorgen, dass die Regierung für den Schutz von Menschenrechtsverteidigerinnen keine spezifischen Institutionen schafft und klarerer Gesetzesgrundlagen definiert. Die beiden großen Parteien stecken mit einflussreichen ökonomischen Kreisen unter einer Decke, wodurch die Zahl der Gewalttaten zugenommen hat. Extrem brisante Vorhaben sind die Megaprojekte, so der Ausbau der Palmölplantagen, aber auch die Bergbautätigkeit. In diesem Kontext war auch von der Eliminierung der Opposition die Rede, wobei wir nicht genau wissen, was das bedeuten soll. Das macht uns genauso erhebliche Sorgen wie die Morde an zwei Vertretern der Sitrabi, einer Bananengewerkschaft im Süden, aber die latente Bedrohung von Gewerkschaftern im Gesundheitsbereich.
Welche Bedeutung hat in diesem Kontext ihre Europareise, wo Sie auch Abgeordnete treffen werden?
Es ist eine Chance, um auf die Verhältnisse in Guatemala aufmerksam zu machen, auf die Straflosigkeit genauso wie auf die Verfolgung von Oppositionellen und Gewerkschaftlern sowie auf die Verletzung der Rechte der Frau. Diese Chance werde ich ergreifen.
Fotos: Knut Henkel.
Einladung zur internationalen Konferenz »Bedrohung und Schutz von MenschenrechtsverteidigerInnen im Wandel« und zum Empfang 30 Jahre pbi.
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