Argen­ti­nien: Gefähr­li­cher Soja-​Anbau

Mittwoch, 14. Dezember 2011 | Hintergrundberichte u. Analyse |

Von Mar­cela Valente– Buenos Aires | IPS |

Der Soja-​Boom hat Argen­ti­nien hohe Devi­sen­ein­nahmen ein­ge­bracht. Doch die Kehr­seite der Medaille: Gif­tige Agro­che­mi­ka­lien, die auf den Fel­dern ein­ge­setzt werden, gefährden die Bevöl­ke­rung in den länd­li­chen Regionen. Eine Unter­su­chung der Natio­nalen Uni­ver­sität von Rio Cuarto in der zen­tralen Pro­vinz Cór­doba hat ergeben, dass das Her­bizid Gly­phosat, das beim Anbau von Soja ein­ge­setzt wird, das Erbgut von Mäusen und Frö­schen schädigt.

Bereits vor zwei Jahren hatte Andrés Car­rasco, Pro­fessor am Labor für mole­ku­lare Embryo­logie an der Uni­ver­sität von Buenos Aires, Schäden durch Gly­phosat bei Amphi­bien nach­ge­wiesen. Car­rasco gehört außerdem dem Natio­nalen Rat für wis­sen­schaft­liche und tech­ni­sche For­schung (CON­ICET) an. Gene­tisch ver­än­derte Soja­saaten waren in Argen­ti­nien nach hef­tigen Kon­tro­versen in den neun­ziger Jahren zuge­lassen worden. Der US-​Biotechnikkonzern ‘Mons­anto’ ent­wi­ckelte eine Gensoja-​Variante, die Gly­phosat leicht absor­bieren kann.

Soja-​Anbau auf 18 Mil­lionen Hektar in Argentinien

Nach der Ein­füh­rung von Gen-​Soja nahmen der Anbau in dem süd­ame­ri­ka­ni­schen Land und der Ein­satz des Her­bi­zids rapide zu. Heute werden 18 Mil­lionen von ins­ge­samt fast 30 Mil­lionen Hektar Getrei­de­fel­dern für die Soja­pro­duk­tion genutzt.
Das unter dem Mar­ken­namen ‘Roundup’ gehan­delte Her­bizid ent­hält neben Gly­phosat auch Sub­stanzen, die die Auf­nahme des Wirk­stoffs durch die Pflanzen erleich­tern. In den neun­ziger Jahren wurde in Argen­ti­nien jähr­lich etwa eine Mil­lion Liter des Pro­dukts ver­kauft. Offi­zi­ellen Sta­tis­tiken zufolge ist die Menge inzwi­schen um fast das 300-​Fache gestiegen.

Vor fünf Jahren setzte sich eine Gruppe von Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen für ein Ende der Besprü­hung von Anbau­flä­chen mit Agro­che­mi­ka­lien ein. Man berief sich auf medi­zi­ni­sche Berichte aus Pro­vinzen, in denen der Soja-​Anbau expan­dierte.
Die Regie­rung setzte dar­aufhin eine Kom­mis­sion ein, die die Risiken für die mensch­liche Gesund­heit prüfen sollte. Die Experten kamen aller­dings zu keinem Ergebnis. Mons­anto zufolge ist das Her­bizid für den Men­schen unschäd­lich, wenn es vor­schrifts­gemäß ver­wendet wird.

Die Bio­login Delia Aiassa von der Uni­ver­sität in Rio Cuarto leitet zur­zeit eine Studie über die Aus­wir­kungen von Gly­phosat auf die Gesund­heit. Wie die Expertin berich­tete, kann die Sub­stanz Asthma, chro­ni­sche Bron­chitis, Rei­zungen von Haut und Augen, Schäden an Nieren, Leber und Ner­ven­system, Krebs sowie Ent­wick­lungs­stö­rungen bei Kinder und Miss­bil­dungen bei Föten her­vor­rufen. Zudem steigen Aiassa zufolge außerdem die Risiken für Fehl­ge­burten. Männer, die mit der Che­mi­kalie in Berüh­rung kämen, können unfruchtbar werden.
Wie die For­scherin IPS erklärte, werden Mäuse und Amphi­bien Gly­phosat ent­weder in Rein­form oder in einer Mischung mit anderen Zusatz­stoffen aus­ge­setzt. Die Folge seien »gene­ti­sche Schäden an Blut­zellen, am Kno­chen­mark und an der Leber«. Würden die Tiere höheren Dosen aus­ge­setzt, ende dies für sie töd­lich.
Auf Anfrage meh­rere kleiner Gemeinden in Cór­doba, in deren Nähe sich Soja-​Plantagen befinden, beob­ach­tete das For­scher­team die Aus­wir­kungen von Pes­ti­ziden und Her­bi­ziden auf Men­schen. In der Stadt Rincón de los Sauces leben 34 Fami­lien in unmit­tel­barer Nähe zu Soja­fel­dern. 34 Pro­zent der Befragten gaben an, dass die Plan­tagen häufig mit Che­mi­ka­lien besprüht werden.

Anwohner klagen über Ver­gif­tungs­sym­ptome

Mehr als die Hälfte der Inter­viewten kri­ti­sierte, nie­mals über die Risiken durch den unsach­ge­mäßen Gebrauch von Her­bi­ziden infor­miert worden zu sein. 35 Pro­zent der Anwohner bemerkten bereits Ver­gif­tungs­sym­ptome. Die meisten von ihnen ver­sprühen die Che­mi­ka­lien auf ihren eigenen Fel­dern.
Auch in anderen Städten kamen die Wis­sen­schaftler zu ähnli­chen Erkennt­nissen. Sie stellten außerdem fest, dass Ärzte am Ort die durch Agro­che­mi­ka­lien ver­ur­sachten Beschwerden nicht genau doku­men­tieren. Dies sei aller­dings not­wendig, um die län­ger­fris­tigen Folgen zu ana­ly­sieren.
Aiassa und ihr Kol­lege Damián Ver­ze­ñassi von der Natio­nalen Uni­ver­sität in Rosario berich­teten über ihre Stu­dien am 6. Dezember in einem Kran­ken­haus Buenos Aires, in dem schwer­kranke Kinder aus allen Lan­des­teilen behan­delt werden. Die mensch­liche Gesund­heit müsse im Zusam­men­hang mit dem Zustand der Ökosys­teme betrachtet werden.

Unter­nehmen kommen vor Gericht

Im kom­menden Jahr müssen in der Pro­vinz Cór­doba zwei Agrar­che­mie­un­ter­nehmen und der Pilot eines Sprüh­flug­zeugs wegen des uner­laubten Ein­satzes von Gly­phosat in der Nähe des Dorfes Itu­za­ingó vor Gericht verantworten.

Nach Ansicht von Ver­ze­ñassi wird das Ver­fahren »sehr wichtig« für die Fest­stel­lung der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit in sol­chen Fällen sein. Er kri­ti­sierte, dass die Ermitt­lungen erst auf mas­siven Druck einer Gruppe von Frauen aus Itiza­ingó in Gang gekommen seien. Das öffent­liche Gesund­heits­wesen sei seiner Pflicht dagegen nicht nachgekommen.

Trotz aller For­de­rungen gibt es in Argen­ti­nien bisher kein Gesetz, das den Umgang mit Agro­che­mi­ka­lien regelt. Nur auf Pro­vin­zebene und in einigen Gemeinden gibt es Vor­schriften, über deren Ein­hal­tung aller­dings nicht aus­rei­chend gewacht wird.
Mit den Aus­wir­kungen von Che­mi­ka­lien in der Land­wirt­schaft befasste sich im Oktober auch eine ‘Anhö­rung von Frauen zur Kli­ma­ge­rech­tig­keit’ in der nord­ost­ar­gen­ti­ni­schen Pro­vinz Chaco.

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