Biomasse oder Biomassaker?
Freitag, 02. September 2011 | Hintergrundberichte u. Analyse |
Von Silvia Ribeiro*- La Jornada | Übersetzt von Bettina Hoyer | Mit wachsendem Enthusiasmus erzählen uns Unternehmen, Politiker_innen und einige Wissenschaftler_innen, wie sie die Umweltkatastrophen, die Energie– und Klimakrise und sogar das Hungerproblem durch die Verwendung von „Biomasse“ lösen wollen. Diese soll die fossilen Brennstoffe ersetzen. Man präsentiert uns diese Idee als fundamentales Element des Übergangs zu einer neuen „grünen Wirtschaft“. Weil sie auf biologischen Materialien basiert, scheint sie nachhaltiger und umweltfreundlicher zu sein.
Schließlich klingt es gut, von einem Teller zu essen, der statt aus Plastik, aus Mais oder Kartoffeln hergestellt ist, Autos mit „Biokraftstoffen“ zu fahren oder sogar in Flugzeugen zu fliegen, die mit „Biokerosin“ betrieben werden. Zweifellos müssen wir die Erdöl-Zivilisation schnellstens hinter uns lassen: Doch wird diese neue Ära, in der alles an Biomasse angepasst wird, wirklich nachhaltig sein?
24 Prozent der Biomasse bereits vermarktet
Ein Teil dieser neuen Ökonomie der Biomasse, nämlich die Verwendung von Agro-Treibstoffen, ist von vielen Seiten kritisiert worden, weil dieser, neben vielen anderen Problemen, nachweislich der Hauptfaktor für den Anstieg der Nahrungsmittelpreise ist. Bei allen ernsthaften Schwierigkeiten die damit verbunden sind: Dies ist in keinster Weise mit den Auswirkungen auf unserem Planeten vergleichbar, die eine massive Zunahme der Verwendung von Biomasse als Kraftstoff und für andere Industrien hätte.
Momentan wird etwa 24 Prozent der terrestrischen Biomasse vermarktet. Im Spiel sind jetzt Anpassung und Vermarktung der restlichen 76 Prozent, die Biomasse des Meeres nicht eingerechnet. Ein Schlüsselfaktor hierbei sind neue technologische Instrumente, wie synthetische Biologie, die synthetische Mikroorganismen herstellt. Diese Mikroorganismen sollen in der Lage sein, Zellulose effizienter aufzuspalten – denn derzeit ist dieser Prozess sehr teuer und verbraucht mehr Energie als erwirtschaftet wird.
Alle Multis interessiert
Dies ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, praktisch jegliche Pflanze in Primärmaterie aus neuen Polymeren verwandeln zu können, die für Kraftstoffe, Medikamente, Plastik und viele andere industrielle Substanzen verwendet werden könnten.
Der potentielle Profit ist enorm. Deshalb sind die größten Unternehmen der Welt allesamt Akteure auf diesem Gebiet: Die wichtigsten Multis der Agroindustrie und der Holzwirtschaft (Cargill, ADM, Bunge, Cosan, Stora, Enso, Weyerhauser). Ebenso sind Erdöl– und Chemieunternehmen sowie Pharmakonzerne mit von der Partie (BP, Shell, Total Oil, Chevron, Exxon, DuPont, BAASF), ebenso wie die transnationalen Unternehmen der Biotechnologie, Nanotechnologie sowie Software-Unternehmen (Monsanto, Syngenta, Amyris, Synthetic Genomics, Genencor, Novozymes) und viele andere.
Die Mär der unbegrenzten Ressource
Der Begriff der Biomasse umfasst Wälder, Sträucher, Kulturpflanzen und Algen ebenso wie Bagassen und Erntereste. Oder besser gesagt: Damit ist jegliches pflanzliche Material gemeint, egal, ob es kultiviert wurde oder nicht. Diejenigen, die die Verwendung der Biomasse vorantreiben, legen dabei normalerweise den Akzent auf die Verwendung von Resten und Bagassen. Das klingt dann so, als wären diese marginal und zu sonst nichts nützlich. Dabei wird jedoch ignoriert, dass diese eine der wenigen Quellen für die Rückgabe von organischer Materie und von Nährstoffen für die Böden sind, deren Erosion ein großes Problem ist.
Zudem wird gesagt, dass man „Reste“ verwenden werde. Sicher ist jedoch, dass die gegenwärtigen Produktionsvorhaben für Plastik und Treibstoffe, die mit synthetischer Biologie arbeiten (diese sind bereits in Bio-Raffinerien in Brasilien und den USA mit Beteiligung von Amyris und anderen Unternehmen in Betrieb), auf der Verwendung von industriellen Pflanzungen von Mais und Zuckerrohr basieren.
Konkurrenz zu Nahrungsmittelpflanzen
Uns wird auch gesagt, dass Biomasse eine natürliche Quelle ist, die immer schon die Basis zum Erhalt der Menschheit gewesen ist. Sie sei erneuerbar und reichlich vorhanden, und indem man nur den Zelluloseanteil und nicht den essbaren Teil verwende, würde ein Konkurrenzkampf mit der Nahrungsmittelproduktion vermieden.
Trotzdem sind all dies nur trügerische Beteuerungen, mit denen das zukünftige Debakel verschleiert werden soll. Zum einen versucht man zu verbergen, dass der industrielle Monokulturanbau von Bäumen und anderen Pflanzen exponentiell zunehmen wird, etwa bei Jatropha oder Ricinus. Diese stellen eine Bedrohung der Artenvielfalt und beanspruchen Land, Wasser und Nährstoffe der Nahrungsmittelpflanzen für sich. Zum anderen werden Kleinbauern und –bäuerinnen deshalb von ihren Territorien vertrieben und dazu gedrängt, ihre traditionellen Kulturen nicht mehr anzubauen.
Negative Bilanz beim ökologischen Fußabdruck
Auch wenn 24 Prozent vermarktete Biomasse zunächst wenig erscheinen mag, haben wir doch in Wirklichkeit, laut Daten des Netzwerks für den Globalen Fußabdruck (Global Footprint Network), das den ökologischen Fußabdruck von Aktivitäten auf der Erde berechnet, die Fähigkeit zur Rückgewinnung und Erneuerung der Biomasse gemäß deren eigenem Rhythmus schon längst überschritten. Das heißt, auf gegenwärtigem Niveau und ohne die geplante massive Zunahme des Verbrauchs von Biomasse, verringert sich unsere natürliche Grundlage bereits.
Außerdem war die pflanzliche Materie zwar den größten Teil unserer Geschichte die Existenzgrundlage der Menschheit, doch der Energiebedarf ist mit der Industrialisierung um mehr als das zwanzigfache angestiegen, gegenüber dem Energieverbrauch etwa ein Jahrhundert zuvor. Zudem hat dies zur schlimmsten Zerstörung der Böden in der Geschichte des Planeten geführt.
Neue Welle der Aneignung
Diese neue Wirtschaft der Biomasse hat nichts mit nachhaltiger Nutzung von Natur und Anbaukulturen zu tun, die in historischer Sicht von lokalen Gemeinden, Kleinbauern und –bäuerinnen und Indigenen geleistet wurden und die einen großen Teil der Lösung der Energiekrise, der Nahrungsmittelkrise und des Klimawandels darstellen. Unternehmen, die sich dadurch bereicherten, dass sie den Planeten mit ihren Produkten aus Erdöl verwüstet haben, machen sich nun zu einer neuen Welle der Aneignung von Natur, Artenvielfalt, Territorien und Gemeinden bereit – und nennen dies nun nachhaltig. [ *Silvia Ribeiro ist Forscherin der ETC-Group ]
Der Artikel erschien am 30. Juli 2011 in der mexikanischen Tageszeitung „La Jornada“ unter dem Titel: „¿Biomasa o biomasacre?“.
Übersetzung: Bettina Hoyer – Lektorat: Sebastian Landsberger Kontakt: Koordination@linguatransfair.de
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