Bra­si­lien: ‘Occupy’-Bewegung erreicht Rio

Dienstag, 08. November 2011 | Brasilien |

Von Fabiola Ortiz Rio de Janeiro | IPS |

Brasilien: 'Occupy'-Bewegung erreicht RioDie Pro­test­be­we­gung gegen soziale Ungleich­heit, Kon­sum­kultur und den Umgang mit der Welt­fi­nanz­krise findet auch in Bra­si­lien ihre Anhänger. Unter dem Slogan ‘Occupy Rio’ haben Akti­visten in der Zuckerhut-​Metropole ihre Zelte auf­ge­schlagen. Etwa 200 junge Leute betei­ligen sich zur­zeit an den fried­li­chen Demons­tra­tionen auf einem der Haupt­plätze im Stadt­zen­trum, den täg­lich Tau­sende Men­schen passieren.

Sie haben auf dem Cinelândia Platz, in dessen Nähe sich das Rat­haus, das Stadt­theater und die Natio­nal­bi­blio­thek befinden, etwa 120 Zelte aufgebaut.

»Ihr seid frei« und »Kommt aus euren Wohnzimmer-​Gefängnissen, euer Leben ist mehr wert als eine Soap-​Opera-​Folge«, ist auf Spruch­bän­dern zu lesen. Und: »Ver­wan­delt Waffen in Kunst«. Seit dem 22. Oktober finden auf dem Platz gewalt­freie Demons­tra­tionen statt, die ein großes Bedürfnis nach Frei­heit ver­spüren lassen. Die glo­balen Pro­teste der ‘indi­gnados’, der ‘Unzu­frie­denen’, gegen den Umgang mit der Finanz­krise ist von Madrid, Bar­ce­lona und Málaga über New York, Oak­land und Seattle in andere Groß­städte übergeschwappt.

Für einen Wandel in Wirt­schaft, Politik, Kultur und Ökologie

Wie der 18-​jährige Edu­ardo de Oliveira Moraes berich­tete, der zu den Orga­ni­sa­toren der Pro­teste in Bra­si­lien gehört, spielt Plu­ra­lität in dem Camp der Pro­tes­tierer eine große Rolle. Jen­seits aller Hierarchie-​Barrieren treffen sich die Men­schen auf dem Platz, um mit­ein­ander zu dis­ku­tieren und gegen unter­schied­liche Miss­stände zu pro­tes­tieren. Sie wollen Ver­än­de­rungen nicht nur in der Politik und Wirt­schaft, son­dern auch in der Kultur und beim Umweltschutz.

»Wir pro­tes­tieren auch gegen Kor­rup­tion und den Schlin­ger­kurs der Regie­rung«, sagte Oliveira Moraes. Er war unter den Ersten, die sich auf dem Cinelândia Platz ver­sam­melten. »Jeder hat seine eigenen Gründe, um hier zu sein«, erklärte er. »Anfangs wollten wir nur eine Woche bleiben. Inzwi­schen wissen wir nicht mehr, wann wir von hier weg­gehen werden. Dieser Platz ist in öffent­li­cher Hand, also gehört er uns.«

‘Occupy Rio’ beschäf­tigt sich nicht nur mit glo­balen Fragen, son­dern auch mit Pro­blemen in Rio selbst. Die Akti­visten ver­su­chen bei­spiels­weise Brü­cken zu lokalen Bewe­gungen in den Elends­vier­teln, den Favelas, zu schlagen. Deren Bewohner wehren sich gegen Zwangs­um­sied­lungen im Vor­feld der Fußball-​Weltmeisterschaft 2014 und den Olym­pi­schen Spielen 2016, die in Rio de Janeiro statt­finden sollen.
Auf der Agenda der Bewe­gung stehen außerdem die sozialen und ökolo­gi­schen Folgen des Baus von Was­ser­kraft­werken im Amazonas-​Urwald. Auch wenn die Pro­teste keinem genauen Orga­ni­sa­ti­ons­schema folgen, muss doch alles gut koor­di­niert sein. Die 200 Akti­visten müssen sich über Sau­ber­keit, Sicher­heit und den Zeit­plan für Work­shops einig sein, wie sie IPS berichteten.

Ihre Nah­rungs­mittel besorgen sich die Bewohner des Camps teils selbst. Außerdem spenden ihnen Restau­rants im Zen­trum Lebens­mittel. »Momentan ist die Lage wegen des Regens in der Stadt schwierig. Nah­rungs­mit­tel­eng­pässe haben wir aber nicht«, sagte der 41-​jährige Ronald Stresser.

Er geht davon aus, dass sich die Beset­zung des Platzes weiter hin­ziehen wird. Jeden Tag kommen neue Leute dazu. »Sie lassen ihre Vor­ur­teile hinter sich und schließen sich unseren Debatten an«, sagte Stresser.

Gemein­schafts­gärten in Rio

»Inzwi­schen gibt es sieben Mil­li­arden Men­schen auf der Welt, und die Situa­tion ist unhaltbar geworden«, beklagte er. Überall auf der Welt müsse man sich dar­über bewusst werden, dass gesell­schaft­liche Ver­än­de­rungen not­wendig seien. Stresser glaubt fest daran, dass sich tat­säch­lich etwas ver­än­dern wird. »Die Pro­teste haben auf Städte in aller Welt übergegriffen.

Und wir werden immer stärker.«

Der 28-​jährige Philosophie-​Student Wander Fer­reira hat sich der Nach­hal­tig­keits­gruppe ange­schlossen und küm­mert sich um das ver­nach­läs­sigte Grün in der Stadt. »In der Stadt gibt es viele ver­ges­sene Ecken, in denen wir Gärten anlegen und unsere Nah­rung selbst anbauen«, sagte er. »Das ist eine sehr befrie­di­gende Auf­gabe und eine ein­zig­ar­tige Lebenserfahrung.«

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