Bra­si­lien: Sub­sis­tenz­jagd auf Schild­kröten ver­boten – Nach­zucht nur für Restaurants

Montag, 26. Dezember 2011 | Brasilien |

Bajo Xingú, Bra­si­lien – IPS 

Im ost­bra­si­lia­ni­schen Ama­zo­nas­ge­biet stehen Schild­kröten oft auf dem Spei­se­plan der Bevöl­ke­rung. Die Jagd auf die prote­in­rei­chen Rep­ti­lien ist jedoch ver­boten und wird von den Umwelt­be­hörden mit Geld­bußen von umge­rechnet bis zu 24.000 US-​Dollar geahndet. Für die Ein­wohner der Region am Unter­lauf des Xingú-​Flusses ist das Ver­mögen. Wie ein Fischer berichtet, musste er das letzte Mal eine hohe Geld­buße für den Fang von acht Amazonas-​Schildkröten zahlen.

»Dabei waren es in Wirk­lich­keit nur fünf Tiere. Drei wollte ich essen und die anderen zwei wieder frei­lassen.« Um die Summe auf­bringen zu können, han­delt der Fischer auch mit Latex, das er aus den reich­lich vor­kom­menden Gum­mi­bäumen der Spe­zies ‘Hevea bra­si­li­ensis’ zapft. Nach bra­si­lia­ni­schem Recht ist der Fang geschützter Arten auch für den eigenen Konsum nicht gestattet. Aus­nahmen gelten nur für indi­gene Völker inner­halb ihrer Ter­ri­to­rien. Wie­der­ho­lungs­täter müssen mit Haft­strafen rechnen. Der Bio­loge Juarez Pez­zuti von der Föde­ralen Uni­ver­sität Pará kri­ti­sierte diese Rege­lungen als »wider­sinnig und unge­recht«. Bestraft würden aus­ge­rechnet die Bewohner der Fluss­ge­biete, für die der Ver­zehr und der Ver­kauf von Ama­zo­nas­schild­kröten exis­tenz­si­chernd seien, erklärte er. Dabei seien nicht sie es, die den Fort­be­stand der Tiere gefähr­deten. Auf der anderen Seite werde der kom­mer­zi­elle Fang bedrohter Arten erlaubt.

Exklu­sive Restau­rants dürfen Schild­kröten servieren

Seit 1992 ist immerhin die Zucht von zwei Schild­krö­ten­arten gestattet, die in der Ama­zo­nas­re­gion beson­ders häufig ver­zehrt werden: die Arrau-​Flussschildkröte (Podoc­n­emis expansa) und die Terekay-​Schienenschildkröte (Podoc­n­emis uni­filis). Belie­fert werden vor allem Restaurants.

Das staat­liche Umwelt­in­stitut Ibama gibt den Züch­tern bis zu zehn Pro­zent der Mil­lionen Baby-​Schildkröten, die es im Rahmen eines Pro­jekts in den ersten Lebens­wo­chen schützt. Damit soll ver­hin­dert werden, dass die Brut­stätten der Rep­ti­lien an den Stränden aus­ge­plün­dert werden. Die armen Bewohner der Fluss­re­gionen ziehen hin­gegen keinen Nutzen aus der Nach­zucht der Schild­kröten. Denn die Tiere werden an exklu­sive Restau­rants gelie­fert, in denen wohl­ha­bende Gäste emp­fangen werden.

Zudem hat die Eröff­nung Hun­derter Zucht­an­lagen die nega­tiven Aus­wir­kungen der Jagd und des ille­galen Han­dels auf den Fort­be­stand der Schild­kröten kaum mil­dern können. Pez­zuti ist der Ansicht, dass auch die Zucht ver­boten werden müsste, da Teile der geschützten Fauna in die Hände pri­vater Unter­nehmer gelangten. Gemäß der Ver­fas­sung sind die Tiere jedoch Eigentum des Staates.
Pez­zuti plä­diert dafür, die Sub­sis­tenz­jagd und eine nach­hal­tige Nut­zung der Fauna zu erlauben. Dies wären wich­tige Schritte auf dem Weg zu einem effi­zi­en­teren Schutz der Schild­kröten und anderer wild­le­bender Tiere. Die Popu­la­tion der Schild­kröten in der Region könnte dadurch sogar ver­grö­ßert werden, ist er überzeugt.

Die staat­li­chen Kon­trollen stoßen schon allein des­halb an ihre Grenzen, weil die Behörden in dem weiten Ama­zo­nas­ge­biet nicht überall prä­sent sein können. In Län­dern wie Costa Rica und Ecuador wurden hin­gegen gute Erfah­rungen damit gemacht, die Bevöl­ke­rung an der Nut­zung der natür­li­chen Res­sourcen zu betei­ligen. Dort würden Eier zur Zucht wei­ter­ver­wendet, die von den Weib­chen nicht aus­ge­brütet oder der Flut zum Opfer fallen würden.

Brut­stätten durch Klima und Raub­tiere gefährdet

In Bra­si­lien haben es kom­mu­nale Initia­tiven zwar auch schon geschafft, Schild­krö­ten­be­stände zu ver­grö­ßern. Sie dürfen aus ihren Erfolgen jedoch kein Kapital schlagen, was nach Ansicht von Pez­zuti schlecht ist, weil dadurch die Moti­va­tion, die Tiere zu schützen, abnehme. Er wies zudem darauf hin, dass etwa am Strand von Tabu­leiro do Embaubal am Unter­lauf des Xingú der größte Teil der abge­legten Eier durch Über­schwem­mungen oder starke Hitze ver­nichtet werden. Ein kon­trol­liertes Ein­sam­meln dieser Eier an gefähr­deten Stellen würde die Fort­pflan­zung der Schild­kröten nicht behin­dern, erklärte der Wis­sen­schaftler. Dies habe ein seit drei Jahr­zehnten fort­ge­setztes Schutz­pro­jekt erwiesen. Die Schild­kröten legen pro Nest durch­schnitt­lich mehr als 100 Eier. Diese hohe Zahl ist damit zu erklären, dass der Nach­wuchs durch Möwen, Geier, andere Rep­ti­lien und Fische bedroht wird. Nur ein kleiner Teil der Brut erreicht tat­säch­lich das Erwach­se­nen­alter. Inso­fern sehen sich For­scher bestärkt, die für eine kon­trol­lierte Auf­zucht durch Men­schen plädieren.

Links:
http://​www​.ibama​.gov​.br/
http://​www​.tar​taru​gas​da​a​ma​zonia​.org​.br/
http://​www​.ips​no​ti​cias​.net/​n​o​t​a​.​a​s​p​?​i​d​n​e​w​s​=​9​9​811

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