Chile: »Die Uni­ver­sität wird als Geschäft betrieben«

Freitag, 03. Februar 2012 | Chile |

Von Mareille Landau – Blick­punkt Lateinamerika

Karol-CariolaDie Stu­den­ten­pro­teste in Chile gehen in die zweite Runde. Nachdem im ver­gan­genen Jahr mona­te­lang mehr als 150.000 Stu­denten für eine Reform des Hoch­schul­sys­tems demons­triert haben, reisen die drei Wort­führer der sozia­lis­ti­schen Bewe­gung Chiles nun durch Europa. Dabei wird deut­lich – es geht um mehr als eine Refor­mie­rung des Bildungssystems.

Camila Val­lejo, deren Gesicht schon im ver­gan­genen Jahr euro­pa­weit auf den Titel­seiten von Zei­tungen zu sehen war, ist Vize-​Präsidentin der Stu­den­ten­ver­ei­ni­gung der Uni­ver­sität von Chile und gilt als Anfüh­rerin der Pro­teste. Zu der Spitze der Bewe­gung zählen aber auch Karol Cariola, Gene­ral­se­kre­tärin der Kom­mu­nis­ti­schen Jugend, und Jorge Murúa, Mit­glied in der Lei­tung des Gewerkschaftsdachverbandes.

„Die Uni­ver­sität wird als Geschäft betrieben. Wer stu­dieren kann, ent­scheidet der Geld­beutel“, fasst Camila Val­lejo die Pro­ble­matik des Bil­dungs­we­sens am 1. Februar im Dort­munder Rat­haus zusammen. Das för­dere die Klas­sen­un­ter­schiede und führe dazu, dass sich viele Men­schen in Chile hoch ver­schulden. Die Stu­di­en­ge­bühren in dem süd­ame­ri­ka­ni­schen Land zählen zu den höchsten welt­weit. Ein Stu­dent der Rechts­wis­sen­schaften zahlt bei­spiels­weise bis zu 5.000 Euro im Jahr. Kos­ten­in­ten­sive Stu­di­en­gänge wie Medizin können diesen Wert weit übersteigen.

Die For­de­rung der Pro­testler: Eine qua­li­tativ hoch­wer­tige Bil­dung, an der alle Chi­lenen teil­haben können. Denn „Bil­dung ist keine Ware, son­dern ein Men­schen­recht“, so die 23-​jährige Val­lejo. Dabei müsse auch der Pri­vat­sektor strenger regu­liert werden, die Ein­nahmen der Uni­ver­sität in die Bil­dung fließen und nicht in Wer­bung oder die Kassen von Kon­zernen. „Der Markt regiert und das ist das Pro­blem“, so die junge Sozia­listin. Gekürzt werde an öffent­li­chen Uni­ver­si­täten bei­spiels­weise bei den Geis­tes­wis­sen­schaften, da sie wirt­schaft­lich unren­tabel sind und zu kri­ti­schem Denken anregen. – Ein Erbe der Dik­tatur, das es zu über­winden gelte.

Kritik geht über die Grenzen des Bil­dungs­we­sens hinaus

Mit ihren For­de­rungen haben die Stu­denten in Chile einen starken Rück­halt in der Gesell­schaft. 80 bis 90 Pro­zent der Bevöl­ke­rung stehen hinter ihnen. Viele Bürger schlossen sich im ver­gan­genen Jahr auch häufig spontan den Mär­schen durch die Straßen an. Grund dafür, dass aus der stu­den­tisch moti­vierten Pro­test­welle schnell ein Auf­stand der Bevöl­ke­rungs­mehr­heit wurde, ist, dass die Kritik der Jugend über die Grenzen des Bil­dungs­we­sens hinaus geht. Es geht um mehr als kos­ten­lose Bil­dung. Es geht um einen umfas­senden poli­ti­schen Befrei­ungs­schlag, auf den das Land ein viertel Jahr­hun­dert nach Ende der Dik­tatur noch immer wartete.

Auch wenn Chile seine Posi­tion als erstes latein­ame­ri­ka­ni­sches Mit­glied der OECD wirt­schaft­lich ver­bes­sert hat und Sta­tis­tiken beschei­nigen, dass die Armuts­rate gesenkt wurde, habe sich die Ungleich­heit inner­halb der Bevöl­ke­rung ver­tieft. Schuld daran ist nach Ansicht von Karol Cariola (Kom­mu­nis­ti­sche Jugend) die umfas­sende Pri­va­ti­sie­rung öffent­li­cher Güter wie Kran­ken­häuser, Wasser– oder Ener­gie­be­triebe und die damit ver­bun­dene enorme Macht des Marktes. „Wir sind eine Gesell­schaft des Marktes, eine Gesell­schaft des Kon­sums“, so die 24-​Jährige.

Mehr als acht Mil­lionen Chi­lenen sind hoch verschuldet

„Man ist Bürger, indem man kon­su­miert“, sagt auch Jorge Murúa als Ver­treter der Gewerk­schaften. Für die vielen Chi­lenen, die am Rande der Armuts­grenze lebten, ein wahres Dilemma. Denn der Min­dest­lohn sei auf umge­rechnet 283 Euro fest­ge­legt, erklärt Murúa. Wenn man davon die not­wen­digen Kosten einer drei­köp­figen Familie für Strom, Gas, Wasser, Gesund­heit und Bil­dung abziehe, blieben noch etwa 20 Cent übrig – ein Wert, der in Chile einer Dose Cola ent­spricht. Diese Situa­tion führe dazu, dass die Men­schen immer mehr auf Kosten von Kre­diten leben. Mehr als acht Mil­lionen Chi­lenen seien hoch ver­schuldet, sagt Jorge Murúa.

Ein Grund­pro­blem ist, dabei sind sich alle drei Pro­testler einig, dass den Bür­gern durch die dik­ta­to­ri­sche Ver­gan­gen­heit noch immer der Mut zur Par­ti­zi­pa­tion an poli­ti­schen Pro­zessen und zum Auf­be­gehren fehle. Diese Mauer hätte die Jugend nun aber end­gültig durch­bro­chen: „Wir sind die dritte Gene­ra­tion nach der Dik­tatur und wir haben keine Angst“, sagt Karol Cariola. In dieser Pseudo-​Demokratie, wie die junge Sozia­listin sie nennt, sei es drin­gend not­wendig, soziale Kräfte zusam­men­zu­führen. Die Men­schen sollten wieder lernen, ihre Mei­nung zu äußern und ihre Stimme zu erheben, so Cariola. „Demo­kratie müssen wir alle mit unseren eigenen Händen erarbeiten“.

Mit freund­li­cher Abdruck­er­laubnis durch Blick­punkt Lateinamerika. Besten Dank dafür!

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