Chile: UNICEF: Indi­gene Kinder haben es schwerer

Samstag, 04. Februar 2012 | Chile |

Von Bet­tina Hoyer – Blick­punkt Lateinamerika

Eine kleine Mapuche-Schönheit  luisbaldo, flickrDas UN-​Kinderhilfswerk UNICEF hat sich Daten des sozio­öko­no­mi­schen Panels »Casen« vor­ge­nommen und auf dieser Grund­lage die Situa­tion indi­gener und nicht indi­gener Kinder in Chile ver­gli­chen. Ergebnis: Unter indi­genen Kin­dern gibt es mehr Armut und sie finden sel­tener Zugang zu höherer Bil­dung. Und, die eigene Sprache geht verloren.

Von den fast 17 Mio. Ein­woh­nern in Chile bilden indi­gene Kinder einen Anteil von etwas mehr als zwei Pro­zent. Ihr Anteil an den unter 18-​Jährigen beträgt knapp neun Pro­zent. Die große Mehr­heit von ihnen, rund 85 Pro­zent, sind Mapuche, acht Pro­zent sind Aymara, die ver­blie­benen Pro­zent­an­teile ver­teilen sich auf wei­tere sieben Ethnien.

Höheres Armuts­ri­siko

Wer dazu­ge­hört, hat es schwerer. „Die Zuge­hö­rig­keit zur indi­genen Bevöl­ke­rung bedeutet für Kinder und Jugend­liche ein grö­ßeres Risiko“, so eine Schluss­fol­ge­rung der Studie „Incluir, Sumar y Escuchar – Infancia y Ado­le­scencia Indí­gena”, die Ende 2011 ver­öf­fent­licht wurde. UNICEF ver­glich hierbei Daten aus den Jahren 1996 und 2009.

Fast ein Viertel der indi­genen Kinder (23 Pro­zent) wächst dem­zu­folge in Armut auf, die Situa­tion bei nicht indi­genen Haus­halten ist besser: dort sind es 17 Pro­zent. Das Gesicht der Armut ist weib­lich – und länd­lich. Vor allem dort, wo indi­gene Frauen auf dem Land den Haus­halts­vor­stand stellen, ist die „Arbeits­platz­si­tua­tion insta­biler“. Indi­gene Frauen, die in städ­ti­schen Räumen die im Haus­halt lebenden Fami­li­en­mit­glieder ernähren müssen, erhalten 78 Pro­zent der Ein­künfte, die Männer nach Hause bringen, die einem ver­gleich­baren Haus­halt vor­stehen. Frauen, die einen Haus­halt auf dem Land führen, erhalten sogar nur etwas mehr als die Hälfte der Ein­künfte, die Männer erhalten (54 Prozent).

Ver­lust der indi­genen Sprachen

Ein Ergebnis der Studie ist auch, dass immer weniger Kinder die indi­gene Sprache ver­stehen oder spre­chen können. Fast 90 Pro­zent der unter 18-​Jährigen konnten dies nicht, nur noch 3,7 Pro­zent können die Sprache ihrer Ethnie spre­chen und ver­stehen. Ein alar­mie­rendes Ergebnis, dass jedoch ange­sichts der kon­flik­tiven Situa­tion um Gleich­stel­lung, bilin­guale Aus­bil­dung und Aner­ken­nung der indi­genen Kul­turen in Chile nicht verwundert.

So ist, mitten im welt­weit Auf­merk­sam­keit erre­genden Bil­dungs­streik, auch eine Föde­ra­tion von Mapuche-​Studenten auf den Plan getreten, um „die Mar­gi­na­li­sie­rung von Kin­dern und Jugend­li­chen der Mapuche in allen Klas­sen­zim­mern des Landes“ zu beenden, wie es in einem Artikel des Online-​Portals „Azkin­tuwe“ heißt.

»Das Gewicht einer anderen Sprache«

Die Wirt­schafts­prü­ferin Isabel Cañet, die in dem Mapuche-​Ort Pelon­tuwe lebte wäh­rend sie stu­dierte, moniert bei­spiels­weise: „Sie zwingen uns Tag für Tag eine fremde Kultur auf und nehmen nichts von unserer Kultur auf oder inte­grieren etwas davon. Ein kon­kretes Bei­spiel: Warum ist Mapu­dungun, zumin­dest in der Region, nicht von der ersten Klasse der Grund­schule an bis zur Uni­ver­sität ein Pflicht­fach? Und wes­halb aber ist die aber mit Eng­lisch der Fall?“

Das „Ver­schwinden“ der Sprache, so Elisa Loncon von der Uni­ver­sität San­tiago, Expertin für inter­kul­tu­relle Erzie­hung und Mit­glied des Netz­werkes für die Rechte auf Bil­dung und Sprache der indi­genen Völker, habe seine Ursache auch darin, dass Mapuche-​Kinder damit kon­fron­tiert würden, dass ihre leben­dige Kultur ver­schwiegen und in die Ver­gan­gen­heit ver­bannt werde: „Als ich mit zehn Jahren meine Gemeinde ver­ließ um im Dorf zu stu­dieren, spürte ich das Gewicht einer anderen Sprache auf mir, das mich tief geprägt hat. Im Geschichts– und Spa­nisch­un­ter­richt wurden ständig die Wörter “india”, “indio” oder Arau­kaner wie­der­holt und man sagte, dass es uns nicht mehr gäbe.“

Auf­hol­be­darf bei höherer Bildung

Wäh­rend die Zahlen bei der Vor­schul– und Grund­schul­bil­dung keine nen­nens­werten Unter­schiede zeigen, kri­ti­sieren die Autoren den großen Unter­schied bei der höheren Bil­dung. Wäh­rend knapp 30 Pro­zent der nicht indi­genen Jugend­li­chen das Abitur machen, sind es nicht einmal 20 Pro­zent bei den indi­genen Jugend­li­chen. Nur 1,6 Pro­zent der chi­le­ni­schen Mapuche hatten 2009 eine abge­schlos­sene Universitätsausbildung.

Die Autoren der Studie sehen daher auch „im Zugang zu Bil­dung eine der größten Her­aus­for­de­rungen“ und for­dern poli­ti­sche Maß­nahmen, die „wäh­rend des Bil­dungs­pro­zesses die kul­tu­rellen Beson­der­heiten der indi­genen Bevöl­ke­rung mit ein­be­ziehen, um die Unter­schiede im Bil­dungs­an­teil zu ver­rin­gern und einen Zugang zu höherer Bil­dung unter glei­chen Bedin­gungen zu ermöglichen“.

Vom Netz abgehängt

Indi­gene Kinder und Jugend­liche haben laut Studie auch sel­tener einen Com­puter zu Hause und wenn sie ins Netz wollen, nutzen sie dazu meist einen Zugang in einer Bil­dungs­ein­richtug (46 Pro­zent), wäh­rend nicht indi­gene zwi­schen sechs und 17 Jahren meist im eigenen Haus ins Netz gehen. Ein deut­li­cher Unter­schied besteht hier auch inner­halb der indi­genen Kinder und Jugend­li­chen, je nachdem, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben. Wäh­rend 90 Pro­zent in der Stadt angaben, ins Netz gehen zu können, war dies bei nur 77 Pro­zent der in länd­li­chen Räumen lebenden Befragten der Fall.

Es seien “poli­ti­sche Her­aus­for­de­rungen” auf Regie­rungs­ebene, aber auch lokal und regional anzu­gehen, die vor allem die kul­tu­rellen Rechte und die Kin­der­rechts­kon­ven­tion in Betracht ziehen, so UNICEF. Dies sei auch des­halb beson­ders wichtig, da die Studie eine Ten­denz zur Ver­städ­te­rung der indi­genen Bevöl­ke­rung belegt und auf­grund der „sozialen, wirt­schaft­li­chen und demo­gra­fi­schen Pro­zesse starke Ver­än­de­rungen bei der indi­genen Bevöl­ke­rung Chiles“ aus­zu­ma­chen seien.

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