El Sal­vador: Kri­mi­neller Daten­mangel — Ver­bre­chens­be­kämp­fung wird zur Farce

Freitag, 27. Januar 2012 | El Salvador |

Von Edgardo Ayala — San Sal­vador – IPS

El Sal­vador erlebt der­zeit neue Formen der Gewalt: Men­schen werden bes­tia­lisch ermordet, ganze Fami­lien aus­ge­rottet. Dar­über hinaus stoßen die Ermittler auf geheime Fried­höfe, in denen einige der unzäh­ligen Ver­missten gefunden werden, deren Zahl das rechts­me­di­zi­ni­sche Institut (IML) mit mehr als 2.000 angibt.
Inter­na­tio­nalen Angaben zufolge wurden in dem 6,6 Mil­lionen Men­schen zäh­lenden Land im letzten Jahr 4.374 Morde begangen. Die Rate liegt bei 70 pro 100.000 Einwohner.

Das IML spricht sogar von 4.564 Mord­op­fern, zu 85 Pro­zent Männer. Wie Hon­duras und Gua­te­mala auch hat El Sal­vador ein ernstes Pro­blem mit Jugend­banden, den soge­nannten Maras, die Schät­zungen zufolge aus 29.000 Mit­glie­dern bestehen. Die meisten ver­teilen sich auf die ‘Mara Sal­vat­rucha’ (MS-​13) und die ‘Mara 18′.

Auf schwan­kendem Boden

Die Foren­siker machen die Maras für zehn Pro­zent der im letzten Jahr began­genen Morde ver­ant­wort­lich. Sicher­heits­mi­nister David Mun­guía und die Natio­nale Zivil­po­lizei (PNC) lasten den Gangs 90 Pro­zent respek­tive 30 Pro­zent aller töd­li­chen Gewalt­ver­bre­chen an.

»Die Angaben des Minis­ters sind falsch, inak­zep­tabel und unglaub­würdig«, meint hin­gegen Mau­ricio Figueroa von der Stif­tung ‘Quetz­al­coatl’, die der Zen­tral­ame­ri­ka­ni­schen Koali­tion zur Prä­ven­tion von Jugend­ge­walt ange­hört. Die Zahlen seien mani­pu­liert, um jedes gewalt­same Vor­gehen gegen die Jugend­banden zu legitimieren.

Der Sicher­heits­mi­nister wirbt der­zeit für ein Gesetz, das ihm erlauben soll, in den von Kri­mi­na­lität beson­ders betrof­fenen Lan­des­teilen den natio­nalen Not­stand aus­zu­rufen. Sichert er sich den Rück­halt des Par­la­ments, liegt es künftig in seiner Macht, in diesen Regionen Grund­rechte wie die Ver­samm­lungs– und Bewe­gungs­frei­heit aufzuheben.

Mun­guía war bis 22. November Ver­tei­di­gungs­mi­nister, wurde dann aber vom links­ge­rich­teten Prä­si­denten Mau­ricio Funes mit der Kri­mi­na­li­täts­be­kämp­fung beauf­tragt. Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen werfen dem Staats­chef vor, wie seine Amts­vor­gänger der rechten Arena-​Partei eine Mili­ta­ri­sie­rung der öffent­li­chen Sicher­heit zu betreiben. Ein soziales Pro­blem mit Mili­tär­ge­walt lösen zu wollen, habe schon in der Ver­gan­gen­heit nicht funk­tio­niert, warnen sie.

Das Pro­blem der Maras geht auf die 1980er Jahre zurück, als die USA zen­tral­ame­ri­ka­ni­sche Zuwan­derer depor­tierten, die zurück in der Heimat kri­mi­nelle Banden nach US-​Vorbildern grün­deten. Die Gangs fanden in El Sal­vador einen Nähr­boden aus Armut und Aus­gren­zung vor, dem sie einen rasanten Zulauf junger Leute verdanken.

Zah­len­streit

»Im Grunde offen­baren die unter­schied­li­chen Zahlen, mit denen die Fahn­dungs­be­hörden han­tieren, das Fehlen einer abge­stimmten Daten­er­fas­sungs­po­litik«, meint dazu Jean­nette Aguilar, Lei­terin des Insti­tuts für öffent­liche Mei­nung der katho­li­schen Zen­tral­ame­ri­ka­ni­schen José-​Simeón-​Cañas-​Universität. »Ohne ver­läss­liche Sta­tis­tiken können wir uns aber kein objek­tives Bild von dem Pro­blem machen.«

Die Dif­fe­renzen treten bereits bei der Zäh­lung der Mord­opfer zutage. So hat die PNC für das letzte Jahr 20 Tote weniger gezählt als das rechts­me­di­zi­ni­sche Institut. IML, PNC und die Gene­ral­staats­an­walt­schaft haben zwar einen runden Tisch eta­bliert, um sich auf gemein­same Kri­te­rien zur Erfas­sung der Mord­opfer zu einigen. Doch regel­mäßig kommt es zu Strei­te­reien. »Um aber effek­tive Maß­nahmen gegen die Kri­mi­na­lität ent­wi­ckeln zu können, müssen wir wissen, wer warum welche Ver­bre­chen begeht«, sagt Aguilar.

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