„Für das Leben“

Mittwoch, 05. Oktober 2011 | Paraguay |

In Para­guay wächst der Wider­stand gegen Paraguay: Noch vor 30 Jahren war hier alles mit Wald bedecktSoja­mo­no­kul­turen. Von Steffi Holz | Lateinamerika Nachrichten– 09/10.2011 |

In den letzten Jahren ist Para­guay zum welt­weit viert­größten Soja­ex­por­teur auf­ge­stiegen. Der Soja-​Bedarf der Indus­trie­länder bedeutet Hunger und Ver­trei­bung für die Land­be­völ­ke­rung, die ver­zwei­felt um den Erhalt ihrer Lebens­grund­lagen kämpft.

„Noch vor 30 Jahren war hier alles mit Wald bedeckt“, erin­nert sich Geró­nimo Aré­valo und schwenkt den Arm in einer weiten Geste über die Soja­felder die sich bis zum Hori­zont erstre­cken. „Heute leben wir in einem Meer aus Soja“, sagt der Öko-​Landwirt, dessen Gemeinde im östli­chen Alto Paraná von Soja­fel­dern umringt ist. Bereits in den 1970er Jahren wurden hier Soja­mo­no­kul­turen im großen Stil ange­legt. Von Bra­si­lien kom­mend hielt die „grüné Revo­lu­tion“ Einzug, eine indus­tria­li­sierte Land­wirt­schaft die auf rie­sigen Flä­chen bis heute gigan­ti­sche Erträge erzielt. Para­guay gehört zum über 40 Mil­lionen Hektar großen „Soja­gürtel Süd­ame­rikas“. Dazu zählen neben Para­guay der Süden Bra­si­liens, Nord-​Argentinien, das östliche Boli­vien sowie Teile Uruguays.

In Geró­nimos Gemeinde bewirt­schaften 44 Fami­lien 500 Hektar Land als Selbstversorger_​innen. In kleinen Misch­kul­turen bauen sie die Haupt­nah­rungs­mittel Maniok und Mais, Bohnen, Erd­nüsse, Gemüse und etwas Sesam zum Ver­kaufen an. Tiere laufen frei umher, ein Bach plät­schert munter vor sich hin. Doch die Idylle trügt: „Kinder werden blind, Schwan­gere ver­lieren ihre Babys, unsere Tiere sterben“ erklärt Geró­nimo die Folgen der Acker­gifte, die auf den Soja­fel­dern rund­herum regel­mäßig ver­sprüht werden. Mit den gen­tech­nisch ver­än­derten Soja­s­orten, die seit Ende der 1990er Jahre ange­baut werden, ist die Belas­tung enorm gestiegen. Mitt­ler­weile wird zu über 90 Pro­zent der ange­bauten Soja gen­tech­nisch ver­än­dert. Die Pflanzen wurden gegen bestimmte Breit­band­her­bi­zide resis­tent gemacht, die alles außer den gene­tisch ver­än­derten Soja­pflanzen abtöten. Her­steller, wie Mons­anto mit seinem „Roundup Ready“, ver­spre­chen mehr Ertrag bei weniger Pestizideinsatz.

Doch „mit der trans­genen Soja ver­rin­gert sich der Ein­satz der Acker­gifte nicht, im Gegen­teil“, betont der Agrar­in­ge­nieur Pedro Per­alta von der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tion CECTEC, die nach­hal­tige Land­wirt­schaft von Klein­bäue­rinnen und –bauern för­dert. Seit 15 Jahren beob­achtet er die Neben­wir­kungen der Soja­ex­pan­sion: „Heut­zu­tage werden die Che­mi­ka­lien viel aggres­siver ver­sprüht, weil es in den gigan­ti­schen Mono­kul­turen bei Krank­heiten oder Plagen keine natür­liche Regu­la­tion mehr gibt. Also werden mehr Fun­gi­zide, Her­bi­zide und Pes­ti­zide ein­ge­setzt,“ erklärt er weiter: „Bis zu fünf Mal zwi­schen der Aus­saat im Sep­tember und der Ernte im Januar.“ Nicht nur aus­ge­laugte Böden, Ero­sion und ver­gif­tete Gewässer sind die Folge, ins­be­son­dere die fami­liäre Sub­sis­tenz­wirt­schaft der Klein­bäue­rinnen und –bauern ist betroffen „weil die Pflanzen auf ihren Äckern ver­dorren und sie selbst krank werden“, so Per­alta.
Für die Land­be­völ­ke­rung bedeuten die Acker­gifte einen schlei­chenden Tod,“ bestä­tigt auch Dr. Silvia Gon­zales vom For­schungs­in­stitut CEIDRA die Lang­zeit­folgen der Mittel, die vom Wind kilo­me­ter­weit getragen werden.

Beson­ders fatal sei die Appli­ka­tion aus der Luft, die nicht einmal ange­kün­digt werden muss, so dass die Land­be­völ­ke­rung nicht recht­zeitig Schutz vor den gif­tigen Dämpfen suchen könne. Viele Che­mi­ka­lien, die in Para­guay zum Ein­satz kämen, seien in Europa längst als krebs­er­re­gend ver­boten. Immer wieder gebe es Todes­fälle, Lang­zeit­folgen wie Krebs-​, Haut– und Atem­wegs­er­kran­kungen nähmen zu. „Der Ver­such, gesetz­liche Richt­li­nien zum Schutz der Land­be­völ­ke­rung zu ver­bes­sern, wird immer wieder von der Agrar-​Lobby im Par­la­ment boy­ko­tiert“, erlebt die ener­gi­sche Sozio­login und Anwältin.

Selbst bei Todes­fällen wie dem des elf­jäh­rigen Sil­vino Tala­vera, der 2003 zweimal in Folge mit Pes­tizid besprüht wurde, ver­neinen Sojaunterneh­mer_​innen ihre Ver­ant­wor­tung: „Dann werden immer Beweise dafür gefor­dert, wodurch der Tod ver­ur­sacht wurde und schließ­lich ver­künden sie dann, dass die Betrof­fenen an Unter­er­näh­rung, Durch­fall oder Fieber starben – was genau die Sym­ptome sind, die von Acker­giften ver­ur­sacht werden. Aber es ist sehr schwer, Ursache und Wir­kung wis­sen­schaft­lich nach­zu­weisen.“ Solche Unter­su­chungen seien lang­wierig und uner­wünscht. Enga­gierte Mediziner_​innen würden oft bedroht.

Doch die Akti­vistin gibt die Hoff­nung nicht auf. Genauso wenig wie die Mit­glieder von CONA­MURI, der Dach­or­ga­ni­sa­tion der länd­li­chen und indi­genen Frau­en­ver­bände, durch deren breite Lob­by­ar­beit der Fall Sil­vino schließ­lich vor Gericht ver­han­delt und 2004 gewonnen wurde.

Mit der Wahl des ehe­ma­ligen Bischofs Fer­nando Lugo im Jahr 2008, die die 61-​jährige Allein­herr­schaft der rechts­kon­ser­va­tiven Colorado-​Partei been­dete, erhofften sich Klein­bäue­rinnen und –bauern grund­le­gende Reformen. Doch ihre Situa­tion hat sich nicht ver­bes­sert, und sie kämpfen inner­halb zahl­rei­cher Ver­bände und Orga­ni­sa­tionen wei­terhin für eine Agrar­re­form sowie eine selbst­be­stimmte Land­wirt­schafts– und Ernäh­rungs­po­litik in Para­guay. Denn vom Soja­boom pro­fi­tieren vor allem die vielen bra­si­lia­ni­schen, ein­hei­mi­schen, aber auch deut­schen Großgrundbesitzer_​innen durch unbe­grenzten Land­er­werb, Steu­er­frei­heit auf das Exportgut und stei­gende Welt­markt­preise. Zwei­ein­halb Tonnen Soja­bohnen und mehr werden heute bei guter Ernte pro Hektar erzielt.

Das bringt um die 900 US-​Dollar Ver­kaufs­preis pro Hektar. Auf 2,7 Mil­lionen Hektar wird in Para­guay zur­zeit Soja ange­baut und die Anbau­fläche wächst unkon­trol­liert weiter. Die größten Gewin­ne­rinnen sind aber inter­na­tio­nale Agrar– und Che­mie­firmen wie ADM, Mons­anto und BASF. Der Bedarf der Indus­trie­länder an Soja als Vieh­futter und in zuneh­mendem Maße auch als Ener­gie­pflanze für Agro­treib­stoffe ist enorm.

Para­guay stieg in den letzten Jahren zum viert­größten Soja­ex­por­teur auf. Von den ins­ge­samt 35 Mil­lionen Tonnen Soja, die vor allem aus Süd­ame­rika jähr­lich in die EU impor­tiert werden, sind deut­sche Bäue­rinnen und Bauern und Mas­sen­tier­be­triebe mit 8 Mil­lionen Tonnen die größten Abnehmer. Wäh­rend gen­tech­nisch ver­än­derte Lebens­mittel hier ver­boten sind, gilt das nicht für die Fut­ter­mittel; Gen-​Soja landet somit täg­lich in Form von Fleisch, Milch und Eiern auf den meisten Tellern.

Ein loh­nendes Geschäft, das auch in den kom­menden Jahren gigan­ti­sche Gewinne ver­spricht. Und so ver­leiben sich die Soja­ba­rone und inter­na­tio­nalen Agrar­firmen immer mehr frucht­bares Land ein, um Soja in Mono­kul­turen anzu­bauen. Sie ver­drängen die klein­bäu­er­liche Land­wirt­schaft und damit das tra­di­tio­nelle Modell, von dem immerhin die Hälfte der Bevöl­ke­rung lebt.

Die Soja­ex­pan­sion ver­schärft den Land­kon­flikt, der ohnehin das bren­nendste soziale Pro­blem ist. Para­guay gehört mit etwa 80 Pro­zent der Acker­fläche im Besitz von zwei Pro­zent der Bevöl­ke­rung zu einem der Länder mit der unge­rech­testen Land­ver­tei­lung weltweit.

Ginge es nach Héctor Cris­taldo, Prä­si­dent des wich­tigsten Ver­bandes der Soja­lobby, ließe sich die Fläche pro­blemlos um 1,3 Mil­lionen Hektar stei­gern. Die Zukunft liegt für ihn im glo­balen Markt: „Das hohe Agrar-​Potential in einem Land wie unserem nicht zu nutzen, um eine hun­gernde Welt zu ver­sorgen, son­dern zu sagen wir pflanzen nur, was wir selbst essen, das macht doch keinen Sinn!“ Er wird nicht müde zu betonen, dass der klein­bäu­er­liche Sektor hoff­nungslos rück­ständig sei. Im übrigen seien in der modernen Land­wirt­schaft die Pes­ti­zide bei sach­ge­mäßer Anwen­dung sicher.

Das Gegen­teil spüren immer mehr Klein­bäue­rinnen und –bauern auch im Norden Para­guays wie in der Pro­vinz San Pedro, wo sich die Soja­kul­turen, vor allem in bra­si­lia­ni­scher Hand, seit zehn Jahren immer rasanter aus­breiten. Kopf­schmerzen, Haut­aus­schläge, Bauch­schmerzen und Durch­fall, Übel­keit mit Erbre­chen, Miss­bil­dungen bei Neu­ge­bo­renen sind nur einige der Neben­wir­kungen, die die Bäuerin Lucía Pavón auf­zählt. Schüt­zende Grün­streifen, die für die Großproduzent_​innen eigent­lich gesetz­lich vor­ge­schrieben sind, gibt es nicht: „Sie wollen ihre Anbau­fläche nicht ver­klei­nern son­dern jeden Zen­ti­meter mit Soja bepflanzen.“

Weil die Situa­tion uner­träg­lich ist, stellen sie sich immer häu­figer dem Besprühen der Felder als lebende Mauern in den Weg. Doch die bra­si­lia­ni­schen Soja­bäue­rinnen und –bauern werden von Polizei und Militär unter­stützt und heuern bewaff­nete Sicher­heits­kräfte an, die ganze Gemeinden ein­schüch­tern und Aktivist_​innen bedrohen. „Für sie sind wir Kaker­laken“ sagt Lucía. „Aber wenn wir auf­geben und unser Land ver­lassen, was bleibt uns dann noch?“ fragt sie.

Über die Autorin:

Steffi Holz stu­dierte Euro­päi­sche Eth­no­logie und Gender Stu­dies in Berlin und arbeitet u.a. als freie Jour­na­listin für Print­me­dien und Hör­funk.
Mit einem Sti­pen­dium der Heinz-​Kühn-​Stiftung NRW recher­chierte sie drei Monate in Para­guay zum Soja-​Thema und holte 2011 eine Klein­bäuerin und Akti­vistin für eine Infor­ma­ti­ons­reise nach Deutschland.

Immer mehr Men­schen wan­dern in die Städte ab, denn sie ertragen das Gift nicht mehr oder werden solange unter Druck gesetzt bis sie ihre wenigen Hektar Land ver­kaufen. Viele Klein­bauern und –bäue­rinnen ver­lieren ihr Land auch durch Ver­schul­dung, weil sie in der Hoff­nung, gut zu ver­dienen, selbst Soja anbauen. Doch teure Pes­ti­zide und Technik lohnen sich nur auf großen Flächen.

Allein 90.000 Fami­lien gaben wäh­rend des letzten Jahr­zehnts ihr Land auf. Sie harren in ille­ga­li­sierten Camps aus oder landen in den Armuts­vier­teln der Haupt­stadt Asun­ción. Dort schlagen sie sich als Straßenverkäufer_​innen und Müll-​Recycler_​innen durch, pro­sti­tu­ieren sich oder betteln.

„Gürtel der Misere“ nennen die Soja-​Gegner_​innen diese Orte. Ins­be­son­dere die indi­gene Bevöl­ke­rung ist von Ver­trei­bung und Hunger betroffen, denn sie sind die mar­gi­na­li­sier­teste Bevöl­ke­rungs­gruppe und haben keine Lobby.

In ganz Para­guay wächst mitt­ler­weile der Wider­stand. Viele Bauern sind bereits orga­ni­siert. Sie mobi­li­sieren zu Demons­tra­tionen und Stra­ßen­blo­ckaden und unter­stützen die vielen Land­be­set­zungen. Ein Kampf um Land und gegen das Agro­busi­ness, der trotz starker Repres­sion von Seiten des Staates und der Mäch­tigen im Lande auf viel­fäl­tige Weise geführt wird. „Wir haben keine andere Wahl“, betont Geró­nimo Aré­valo, „wir kämpfen für unser Recht auf Land und für das Leben.“

Für ihn ist die indus­tria­li­sierte Land­wirt­schaft kein trag­fä­higes Modell: „Wir wissen sehr gut, dass hinter der indus­tri­ellen Soja­pro­duk­tion ein großes Geschäft steckt, aber für die kleinen Produzent_​innen ist sie weder ren­tabel noch nach­haltig, denn sie zer­stört die Umwelt und damit unsere Lebens­grund­lage. Unsere Zukunft kann nur in einer Land­wirt­schaft liegen, die das Leben verteidigt.“

Quelle: – Mit freund­li­cher Erlaubnis der Autorin Steffi Holz und den Lateinamerika Nachrichten zur Wie­der­gabe hier auf dem womblog. Besten Dank!

Agrar­frage sucht Antworten.

Ein Dos­sier zu Land­kon­flikten und Land Grab­bing in Lateinamerika.

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