Haiti: Prä­si­dent Mar­telly ver­zockt sein armes Land – Inves­toren zahlen Hungerlöhne

Mittwoch, 28. Dezember 2011 | Karibik | Haiti |

Port-​au-​Prince – IPS 

Haitis Prä­si­dent Michael Mar­telly ist fest ent­schlossen, aus dem von Kata­stro­phen und poli­ti­scher Insta­bi­lität gebeu­telten ärmsten Land der west­li­chen Hemi­sphäre ein Para­dies für aus­län­di­sche Inves­toren zu machen. »Haiti ist offen für Geschäfte«, betonte er unlängst bei der Eröff­nung eines neuen Indus­trie­parks im Norden des Landes. In Haiti sollen ins­ge­samt sechs sol­cher Gewer­be­ge­biete und ‘Frei­han­dels­zonen’ entstehen.

Wäh­rend Mar­telly, der als Pop­sänger ‘Sweet Micky’ Kar­riere gemacht hatte, von großem Wandel zu einer nach­hal­tigen Ent­wick­lung spricht, sehen viele Kon­zerne in dem bit­ter­armen Kari­bikland, das die Folgen des ver­hee­renden Erd­be­bens vom Januar 2010 noch längst nicht ver­kraftet hat, einen beson­ders güns­tigen Standort für ihre so genannten Sweat­shops – rie­sige Fabrik­hallen, in denen Ein­hei­mi­sche schuften und vor allem Tex­ti­lien für den Export zusam­men­nähen. Die Regie­rung ver­spricht ansied­lungs­wil­ligen Unter­nehmen Steu­er­frei­heit für bis zu 15 Jahre und stellt ihnen wei­tere erheb­liche Ver­güns­ti­gungen in Aus­sicht. Das Inter­esse an dem inves­to­ren­freund­li­chen Steu­er­pa­ra­dies Haiti ist der­zeit groß. Zu Hun­derten ließen sich im November aus­län­di­sche Geschäfts­leute in die Haupt­stadt Port-​au-​Prince ein­fliegen, um an einer zwei­tä­gigen Inves­to­ren­kon­fe­renz teil­zu­nehmen. Viele Hai­tianer hin­gegen haben die Hoff­nung auf eine bes­sere Zukunft ver­loren. Einige ver­su­chen dem Elend in ihrem Hei­mat­land übers Meer Rich­tung USA zu ent­kommen. Erst am Weih­nachts­abend war ein sol­ches Flücht­lings­boot mit mehr als 100 Men­schen an Bord vor der Küste Kubas in Seenot geraten. Die kuba­ni­sche Küs­ten­wache konnte 87 Hava­risten retten, für mehr als 30 Hai­tianer kam jede Hilfe zu spät.
Nicht nur die Inves­ti­ti­ons­hilfen der Regie­rung machen das Armen­haus Haiti für aus­län­di­sche Unter­nehmer attraktiv. Um andern­orts obli­ga­to­ri­sche Arbeits– und Sozi­al­stan­dards brau­chen sie sich hier nicht zu küm­mern. »Die Kon­zerne unter­bieten sich gera­dezu beim Abbau dieser Stan­dards«, stellen kri­ti­sche Beob­achter fest.
Auch Haitis Indus­trie­ver­band, beson­ders die hei­mi­sche Tex­til­in­dus­trie, sieht in der akuten Not­lage des Landes eine Chance. »Wir dürfen sie nicht ver­passen«, erklärte Ver­bands­chef Georges Sas­sine. Gewerk­schafts­ar­beit ist in ihren Betrieben uner­wünscht.
Der im November eröff­nete Caracol-​Industriepark im Norden ist der ganze Stolz der Regie­rung. Er wurde mit US-​amerikanischen Steu­er­gel­dern (124 Mil­lionen Dollar) sowie mit einem 55 Mil­lionen Dollar-​Zuschuss der Inter­ame­ri­ka­ni­schen Ent­wick­lungs­bank finan­ziert.
»So stellen wir uns den Wandel vor, das nennt man nach­hal­tige Ent­wick­lung«, erklärte Mar­telly, als er im Bei­sein seines Bera­ters, des ehe­ma­ligen US-​Präsidenten Bill Clinton, das neue Vor­zei­ge­pro­jekt der Regie­rung eröff­nete. Auch hai­tia­ni­sche und aus­län­di­sche Medien unter­stützen unge­achtet aller Schwie­rig­keiten, Nach­teile und Risiken ein­hellig den neuen Indus­trie­park sowie Mar­tellys wirt­schaft­liche Aus­rich­tung auf aus­län­di­sche Investitionen.

Boo­mende Sweat­shops kein Indiz für nach­hal­tige Entwicklung

Dabei haben Haiti und seine Nach­bar­länder längst erfahren müssen, dass eine auf Sweat­shops set­zende Ent­wick­lungs­po­litik die Ein­lö­sung ihrer Ver­spre­chen meis­tens schuldig bleibt. So hat die Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tion ‘Haiti Grass­route Watch’ (HGW) in ihrem jüngsten Bericht fest­ge­stellt, dass der Lohn eines Fabrik­ar­bei­ters in Haiti heute eine gerin­gere Kauf­kraft besitzt als in den Jahren der Dik­tatur von Jean-​Claude Duva­lier (1971−1986).

In einem Inter­view mit HGW klagte Eve­lyne Pierre-​Paul, die eigent­lich anders heißt und Repres­sa­lien durch ihren Boss befürchtet: »Ich komme nicht klar mit meinem Land. Ich bin seit 25 Jahren Fabrik­ar­bei­terin, doch zu einem eigenen Haus habe ich es nicht gebracht.« Die Zwei-​Zimmerwohnung, in der sie in Port-​au-​Prince mit ihren drei Kin­dern lebte, und für sie eine Jah­res­miete von umge­rechnet 250 Dollar bezahlt hatte, wurde bei dem Erd­beben vor zwei Jahren zer­stört. Seitdem haust sie in der Haupt­stadt in einem der vielen hun­dert Zelt­lager für Obdach­lose.
Pierre-​Paul liegt mit ihrem Tages­lohn von umge­rechnet 5,90 Dollar über dem Min­dest­lohn für Fabrik­ar­beiter von 3,75 Dollar, doch das ist nur ein Viertel des von HGW für Haiti errech­neten Exis­tenz­mi­ni­mums für eine Familie. Danach müssen Fabrik­ar­beiter in Port-​au-​Prince und in einem Indus­trie­park nahe der Grenze zur Domi­ni­ka­ni­schen Repu­blik die Hälfte ihres Lohns für die Fahrt zur Arbeit und für ein Mit­tag­essen aus­geben.
Das gewerk­schafts­nahe, in den USA ansäs­sige ‘Soli­da­rity Center’ bezif­fert in einer kürz­lich ver­öf­fent­lichten Studie das lebens­not­wen­dige Monats­ein­kommen einer hai­tia­ni­schen Familie mit zwei Kin­dern mit 749 Dollar, das ist das Fünf­fache des durch­schnitt­li­chen Monats­lohns.
»Wenn ich am Zahltag die vielen kleinen Schulden zurück­zahle, die ich im Laufe des Monats ange­sam­melt habe, bleibt nichts übrig«, klagt Jean-​Paul. Die Kauf­kraft ihres Lohnes ist nied­riger als in den 80er Jahren, als in den Fabriken der aus­län­di­schen Kon­zerne Hoch­kon­junktur herrschte.
Der Wirt­schafts­wis­sen­schaftler Camille Chal­mers spricht von einer skan­da­lösen Lohn­po­litik. Er sagte HGW: »Die Löhne sind ständig gesunken. Sie werden in der Lan­des­wäh­rung Gourde aus­ge­zahlt, doch weil das eins­tige Selbst­ver­sor­ger­land 50 Pro­zent seiner Lebens­mittel impor­tiert, müssen sie ihren Lebens­un­ter­halt prak­tisch in Dollar bestreiten.« 100 Gourde sind umge­rechnet knapp 2,5 Dollar.

»Skan­da­löse Lohnpolitik«

»Es ist nicht nur falsch, es ist ver­bre­che­risch, aus­län­di­sche Unter­nehmen in Haiti reich werden zu lassen und Arbeiter mit Hun­ger­löhnen abzu­speisen«, fügte Chal­mers hinzu.
Pierre-​Pauls Arbeit­geber Charles Baker, Besitzer des Tex­til­un­ter­neh­mens ‘One Worl Apparel’, bedauert, dass er seine Arbeiter nicht ange­messen bezahlt. »Wenn ich könnte, würde ich ihnen täg­lich 1.000 Gourde zahlen. Doch die Ver­hält­nisse in Haiti lassen dies nicht zu«, erklärte er gegen­über Haiti Grass­roots Watch.
Baker und andere hai­tia­ni­sche Fabrik­be­sitzer behaupten, dass sich ihre aus­län­di­schen Auf­trag­geber, dar­unter Levi’s, GAP, K-​Mart und Wal-​Mart, bei einem Anstieg der Löhne unver­züg­lich nach anderen Billig-​Standorten umsehen würden.
Baker ist über­zeugt, dass die Zeit der Nied­rig­löhne und unqua­li­fi­zierten Arbeits­kräfte nur ein Schritt in Rich­tung auf eine bes­sere Wirt­schafts­ent­wick­lung und in spä­tes­tens 15 Jahren über­standen ist. »Wir sind auf­wärts unter­wegs, Schritt für Schritt«, ver­si­cherte der Tex­til­fa­bri­kant, der sich zweimal um das Prä­si­den­tenamt beworben hatte.

Links:
http://​www​.soli​da​ri​ty​center​.org
http://​www​.ilo​.org
http://​ips​news​.net/​n​e​w​s​.​a​s​p​?​i​d​n​e​w​s​=​1​0​6​268
http://​hai​ti​grass​roots​watch​.squa​re​space​.com
http://​www​.ips​news​.net/​n​e​w​s​.​a​s​p​?​i​d​n​e​w​s​=​1​0​6​270

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