Im Herz der Zwiebel — Wie in Kolum­bien Kin­der­sol­daten reso­zia­li­siert werden

Samstag, 11. Februar 2012 | Kolumbien |

Von Knut Henkel – Neues Deutsch­land vom 11.02.2012

Der 12. Februar, der so genannte Red Hand Day, ist der glo­bale Akti­onstag gegen den Miss­brauch von Kin­dern als Sol­daten. Welt­weit werden in bewaff­neten Kon­flikten rund 250.000 Kinder zum Kämpfen gezwungen. Kolum­bien zählte im ver­gan­genen Jahr zu den 15 Län­dern, in denen Kinder für mili­tä­ri­sche Zwecke miss­braucht wurden. Gina Moreno Soto ist Schau­spie­lerin, Mutter und Sozi­al­ar­bei­terin in Personalunion.

Das Leben der 24-​Jährigen ist jedoch alles andere als normal ver­laufen. Fast vier Jahre hat sie als Kin­der­sol­datin im kolum­bia­ni­schen Dschungel für die Gue­rilla gekämpft. Nun hilft sie anderen, erst gar nicht in den Kreis­lauf der Gewalt zu rutschen.

Die beiden ein­fa­chen Häuser in der am Hang lie­genden Straße kennt Gina Moreno Soto nur zu gut. Sie sind so etwas wie ein zweites Zuhause, denn hier in Usme, einem Vorort von Bogotá, hat die junge Frau ihren Absprung voll­zogen. »Es ist nicht leicht, dem Kreis­lauf der Gewalt zu ent­fliehen, aber hier habe ich es geschafft«, sagt sie mit einem zufrie­denen Grinsen.

Heute ist eine ganze Gruppe von Neu­an­kömm­lingen hier. Jungen und Mäd­chen, die wie Gina von Armee oder Polizei gefangen genommen wurden, weil sie für die Gue­rilla oder die Para­mi­li­tärs als Kin­der­sol­daten im Ein­satz waren. »Um die Hun­dert sind es allein in Bogotá, denen wir bei der Reinte­gra­tion in ein ziviles Leben helfen«, erklärt Stella Duque. Sie ist die Direk­torin von Taller de Vida, einer the­ra­peu­ti­schen Jugend­ein­rich­tung, die ver­sucht, Min­der­jäh­rigen den Neu­start in ein ziviles Leben zu ebnen.

Bei Gina hat es geklappt. Die relativ kleine Frau mit den halb­langen pech­schwarzen Haaren hat vor zwölf Jahren ihre Familie ver­lassen und sich der grö­ßeren der beiden kolum­bia­ni­schen Gue­ril­la­or­ga­ni­sa­tionen ange­schlossen, der FARC, den Bewaff­neten Revo­lu­tio­nären Streit­kräften Kolum­biens. »Ich bin in einem Dorf im Süden Kolum­biens groß geworden und Ver­bände der Gue­rilla waren dort per­ma­nent prä­sent. Das war Alltag«, so die junge Frau, die der­zeit eine Aus­bil­dung als Kran­ken­schwester absol­viert. Die Erin­ne­rungen an ihre Kind­heit sind wenig positiv: »Wir Kinder mussten viel arbeiten, wurden zu Hause geschlagen und als wir eines Tages, ich war elf Jahre alt, gegen Mittag vom Feld kamen, war das ganze Haus voll mit Gue­ril­leros der FARC. Die schlugen meiner Tante und mir vor, sie zu begleiten«, erin­nert sich Gina Moreno. Die beiden Mäd­chen — die Tante war gerade ein Jahr älter — wil­ligten ein.

Flucht aus den Zwängen des Elternhauses

»Wir hielten es zu Hause nicht mehr aus, weil wir schuften mussten wie die Maul­esel und oben­drein immer wieder geschlagen wurden«, erklärt Gina und legt die Stirn miss­bil­li­gend in Falten. Die Erin­ne­rung fällt ihr schwer und den Aus­schlag, die Gue­ril­leros zu begleiten, gab deren Ver­spre­chen, sie gut zu behan­deln. Gegen­über den Coman­dantes, den lei­tenden Offi­zieren der linken Rebellen, mussten sie nur angeben, min­des­tens 15 Jahre alt zu sein. Gesagt, getan, und die beiden Mäd­chen waren nicht die ein­zigen, die an diesem Tag von der Kolonne der FARC rekru­tiert wurden. Zwei Jungen, die aus den glei­chen Gründen wie die beiden Mäd­chen ihrer Familie den Rücken gekehrt hatten, gehören fortan auch zu dem mobilen Trupp.

»Heute weiß ich, dass ich letzt­lich um meine Kind­heit betrogen wurde. Das habe ich aber erst im Laufe der Jahre ent­deckt und dabei hat mir die psy­cho­lo­gi­sche Arbeit mit Stella, aber auch unser Hip-​Hop– und Thea­ter­pro­jekt sehr geholfen«, erklärt die Mutter eines fünf­jäh­rigen Sohnes und streicht sich eine bläu­lich schim­mernde schwarze Haar­strähne aus der Stirn.

Rund vier Jahre hat sie mit dem Kampf­ver­band der FARC ver­bracht und dabei an Gefechten mit Armee und Para­mi­li­tärs teil­ge­nommen, aber auch an Angriffen auf Poli­zei­posten. Dann wurde sie von der Polizei beim Kauf von Lebens­mit­teln geschnappt und nach Bogotá, in die Lan­des­haupt­stadt geschafft. Ein Glück, denn im Süden Kolum­biens hätte Gina kaum eine Chance auf den Absprung aus dem Kreis­lauf der Gewalt gehabt.

»Dort auf dem Land ist die Gue­rilla der Staat. Es wird gemacht, was sie sagt. Das sind die Regeln und ich wäre wohl kaum los­ge­kommen« mut­maßt die junge Frau. Nachdem sie in Bogotá langsam Fuß gefasst hatte, hat sie sich ent­schieden, ihre jün­gere Schwester nach­zu­holen. Sie sollte nicht die glei­chen Erfah­rungen machen und nun wohnen die beiden zusammen in einer Woh­nung in Usme, einem Vorort von Bogotá.

Nur ein paar Ecken ent­fernt befindet sich das Zen­trum vom »Taller de Vida«, wo Gina einen erheb­li­chen Teil der letzten Jahre ver­bracht hat. »Da habe ich mich neu gefunden, ich habe gelernt, mich aus­zu­drü­cken, mich selbst ent­deckt und langsam begriffen, was ich da gemacht habe«, sagt sie mit leiser, fester Stimme.

Gina ist heute ein Bei­spiel für andere

»Werk­statt des Lebens« ist der Name der Orga­ni­sa­tion und für Gina passt er per­fekt. »Heute bin ich ein Bei­spiel für andere, weil ich den Absprung geschafft habe und hier nebenbei mit­ar­beite.« Darauf ist die allein­er­zie­hende Mutter stolz und für jedes Kind, das sie für Theater, Rap oder Graf­fiti begeis­tern kann, sinkt das Risiko der Rekru­tie­rung. »Feh­lende Per­spek­tiven und kaum Ange­bote für die Jugend sind für die Attrak­ti­vität der Gue­rilla zwei wesent­liche Gründe«, erklärt Stella Duque weiter. Die Psy­cho­login hat die Orga­ni­sa­tion auf­ge­baut und ver­sucht Kin­dern und Jugend­li­chen vor der Rekru­tie­rung durch Para­mi­li­tärs und Gue­rilla zu bewahren oder ihnen Brü­cken für die Rück­kehr in ein ziviles Leben zu bauen.

Inclu­sión, Ein­glie­de­rung, heißt das in Kolum­bien und ein wich­tiges Medium dabei ist das Theater. »Die Bühne ist ein idealer Ort, um spie­le­risch zu ver­ar­beiten, was man erlebt hat«, erklärt Stella Duque. All das findet sich auch in den Stü­cken wieder, die die Jugend­li­chen gemeinsam mit den Psy­cho­logen ent­wi­ckeln. Ein bewährtes Konzept.

Gina hat im »Herz der Zwiebel« mit­ge­wirkt. Ein Stück über die Schutz­schichten rund um die Seele, die helfen sollen, nicht ver­letzt zu werden. Die kennt auch Gina ziem­lich gut: »So eine undurch­dring­liche Fas­sade haben sich viele Kinder aus den Armen­vier­teln rund um Bogotá zuge­legt. Sich eine Blöße zu geben, ist ver­pönt«, erklärt Gina. Sie hat lange gebraucht, um mal locker zu lassen, auch Tränen zuzu­lassen. Das hat sie in den Dschun­gel­camps der FARC, aber auch schon zu Hause ver­lernt. Über den Job als Sozi­al­ar­bei­terin bei der Werk­statt des Lebens und die Aus­bil­dung zur Kran­ken­schwester hat sie ganz andere Facetten an sich ent­deckt und arbeitet der­zeit mit einigen Freunden an einem Thea­ter­stück über die eigenen Erfahrungen.

Eine Brücke ins zivile Leben

Verde Olivo, Oliv­grün, soll es heißen und viel­leicht werden sie es irgend­wann für die Neu­an­kömm­linge in Usme auf­führen. »Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der eigenen Ver­gan­gen­heit ist der erste Schritt in die Zukunft«, erklärt Stella Duque. Gina hat ihn hinter sich — die Neu­an­kömm­linge hin­gegen noch vor sich. Sie lässt ihre dunklen Augen durch den großen Gemein­samschaft­raum wan­dern. In einer Ecke stehen Boxen, Misch­pult und Turn­ta­bles. Nach dem ersten Ken­nen­lernen steht Rap auf dem Pro­gramm und Gina wird es sein, die die Musik für den Neu­an­fang auswählt.

Quelle: – Neues Deutsch­land vom 11.02.2012 — Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Autors Knut Henkel und ND. Danke dafür!

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