Kolum­bia­ni­scher Bür­ger­krieg: Revo­lu­tion jetzt ohne Geiselnahmen

Montag, 27. Februar 2012 | Kolumbien |

Die kolum­bia­ni­schen FARC-​Rebellen wollen in Zukunft auf Ent­füh­rungen von Zivi­listen ver­zichten. Die Regie­rung und ehe­ma­lige Gei­seln sind skep­tisch. Von  – Porto Alegre | taz vom 27.02.2012

Die kolum­bia­ni­sche Farc-​Guerilla will künftig keine Zivi­listen mehr ent­führen. Mit einer viel beach­teten Erklä­rung vom Sonntag möchten die Rebellen den Weg zu Frie­dens­ge­sprä­chen frei­ma­chen. Zudem würden ihre letzten zehn »Kriegs­ge­fan­genen« frei­kommen, teilten die Auf­stän­di­schen auf ihrer Web­site mit.

»Wir wür­digen die von der Farc ange­kün­digte Abkehr von Ent­füh­rungen als einen wich­tigen, not­wen­digen, aber nicht aus­rei­chenden Schritt in die rich­tige Rich­tung«, rea­gierte Prä­si­dent Juan Manuel Santos post­wen­dend auf Twitter. »Wir freuen uns sehr für die zehn Ent­führten, die frei­ge­lassen werden, und für ihre Fami­lien«, erklärte er weiter. Die Regie­rung werde die erfor­der­li­chen Garan­tien geben, aller­dings »ohne Medienzirkus«.

Die Farc hatten bereits Ende Dezember die Frei­las­sung von fünf Poli­zisten und einem Sol­daten ange­kün­digt, dies dann aber wegen der angeb­lich unklaren Sicher­heits­lage hin­aus­ge­zö­gert. Ihre »Kriegs­ge­fan­genen«, die sie bis zu 14 Jahre lang im Dschungel fest­halten, hatten sie jah­re­lang erfolglos gegen inhaf­tierte Rebellen aus­tau­schen wollen.

Die Ver­schlep­pung von Zivi­listen, der sie jetzt abschwören, ist seit jeher ein Mittel der kolum­bia­ni­schen Gue­ril­la­gruppen, um den bewaff­neten Kampf zu finan­zieren. Der­zeit befänden sich immer noch 140 zivile Gei­seln in der Gewalt der Farc, sagte der Sicher­heits­ex­perte Alfredo Rangel. »Wir ver­künden, dass wir ab sofort diese Prak­tiken im Rahmen unseres revo­lu­tio­nären Kampfes ver­bieten«, heißt es in der Farc-​Erklärung.

Sie nehme diese Ankün­di­gung mit »Hoff­nung und Zurück­hal­tung« auf, sagte die frü­here Sena­torin Ingrid Betan­court, die sich über sechs Jahre lang in der Gewalt der Rebellen befand. Skep­tisch bleibe sie, da die Zukunft der »wirt­schaft­li­chen Gei­seln« noch zu klären sei.

»Es ist eine bei­spiel­lose Erklä­rung in der langen Geschichte der Farc«, findet hin­gegen der linke Par­la­men­ta­rier Iván Cepeda von Demokratisch-​Alternativen Pol, »ein bedeut­samer Schritt auf der Suche nach Frieden«.

Zuver­sicht­lich gibt sich auch der frü­here links­li­be­rale Prä­si­dent Ernesto Samper: »Es ist ein Zei­chen des guten Wil­lens, so wie es Santos als Vor­aus­set­zung für Frie­dens­ge­spräche gefor­dert hat, nun muss die Regie­rung eine groß­zü­gige Ant­wort geben«.

Santos direkter Vor­gänger Álvaro Uribe, der acht Jahre lang aus­schließ­lich auf eine mili­tä­ri­sche Lösung gesetzt hatte, twit­terte hin­gegen wie­der­holt: »Irre­füh­rende Erklä­rung«. Die Rebellen müssten auf sämt­liche Kriegs­hand­lungen ver­zichten, for­dert Uribe, der die Rechts­op­po­si­tion gegen seinen ehe­ma­ligen Ver­tei­di­gungs­mi­nister Santos anführt.

Lan­des­weite Pro­teste gegen die FARC

In den ver­gan­genen Monaten war der Druck auf die Rebellen gewachsen. Im November hatten sie offenbar drei Poli­zisten und einen Sol­daten nach mehr als zwölf Jahren Gefan­gen­schaft hin­ge­richtet. Dar­aufhin kam es zu lan­des­weiten Pro­testen gegen die Rebellen.

Die FARC gilt als bedeu­tendste Rebel­len­or­ga­ni­sa­tion Kolum­biens. Im ver­gan­genen Jahr ernannte die mar­xis­ti­sche Gruppe einen neuen Anführer. Timo­león »Timo­chenko« Jiménez, dessen rich­tiger Name Rod­rigo Lon­doño ist, erklärte bereits seine Bereit­schaft zu Ver­hand­lungen mit der Regierung.

Den FARC gehören nach offi­zi­ellen Angaben zwi­schen 8000 und 11.000 Kämpfer an, die vor allem in den Grenz­ge­bieten zu Vene­zuela und Ecuador aktiv sind. Seit den 80er Jahren ver­sucht die FARC durch Ent­füh­rungen von Beamten und Poli­ti­kern, Druck auf die Regie­rung auszuüben.

Quelle: – taz​.de vom 27.02.2012 – Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Autors Ger­hard Dilger, zur Wie­der­gabe hier auf dem womblog​.de. Vielen Dank dafür!

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