Mexiko: Regierung leugnet Hungersnot — Multinationale Agrokonzerne profitieren
Donnerstag, 02. Februar 2012 | Mexiko |
Ein Gastbeitrag der Schattenblick-Redaktion* – Berlin/IPS -
Mit dem Verlust seines halben Territoriums an die Vereinigten Staaten musste Mexiko einst einen hohen Preis für deren expansiven Aufstieg zur Großmacht bezahlen. Die unmittelbare Nachbarschaft zu seinem ehemaligen Erzfeind hat dem Land auch in späteren Friedenszeiten kein Glück gebracht.
In der vergeblichen Hoffnung, die historisch tief gegründeten Vorbehalte preiszugeben und gegen eine Partnerschaft an der Seite der USA einzutauschen, betrieben mexikanische Regierungen gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine forcierte Annäherung an die USA, die zunächst im Beitritt zur mit höchsten Ambitionen überfrachteten Nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA) gipfelten.
Die Bilanz ist unter dem Strich verheerend — nicht für die Eliten des Landes, die im Gefolge dieses Zusammenschlusses ihren Schnitt machten, wohl aber für die Mehrheit der Bevölkerung, zu deren Lasten die ökonomische Öffnung für die weit höher entfaltete kapitalistische Verwertung des Nordens ging.
Wie alle Wirtschaftsblöcke paart auch die NAFTA gebündelte Stärke nach außen mit verschärfter Ausbeutung ihrer schwächsten Mitglieder im Innern. Das Kalkül auf Seiten Mexikos, die erlangten Konkurrenzvorteile gegenüber Drittstaaten machten mögliche Einbußen als klar unterlegener Partner im Verbund mit den USA und Kanada mehr als wett, erwies sich als verhängnisvoller Trugschluss.
Nahrungsmittelexporte trotz Hunger
Unter den negativen Konsequenzen des NAFTA-Beitritts ist insbesondere die Unterwerfung der landwirtschaftlichen Produktion unter das Diktat des höher technisierten und subventionierten Agrarsektors der USA hervorzuheben, der zum millionenfachen Untergang kleinbäuerlicher Existenzen führte. Mit billigeren Nahrungs– und Futtermitteln aus dem Norden überschwemmt, kapitulierte zuerst die weit verbreitete Subsistenzwirtschaft Mexikos, worauf die einheimische Agrarindustrie ihren Tribut zollen musste. So ist Mexiko heute ein Land, das einerseits landwirtschaftliche Erzeugnisse in beträchtlichem Umfang exportiert, aber weniger denn je in der Lage ist, die eigene Bevölkerung ausreichend zu versorgen.
Wie alle Regierungen dieser Welt behauptet auch die mexikanische wider besseren Wissens, es sei genug Nahrung für alle da. In einem Land, dessen 20 Bundesstaaten samt und sonders von Umweltkatastrophen heimgesucht werden – Dürre im Norden und Überschwemmungen im Süden – kommt diese Doktrin einem Todesurteil für wachsende Teile der Bevölkerung gleich. Indem die armen und ausgegrenzten Unterschichten der gesellschaftlichen Hierarchie sehenden Auges und mithin gezielt geopfert werden, streben die Profiteure der Ausbeutung und Verfügung die Fortschreibung ihrer Herrschaft unter immer unwirtlicheren klimatischen Bedingungen und weltweit schwindenden Ressourcen des Überlebens an.
Welch katastrophale Hungersnöte in Mexiko herrschen und wie vehement ihre Existenz von Regierungsseite verschwiegen oder geleugnet wird, bringt die Karawane gegen den Hunger an den Tag. In ihr haben sich Bauern der nördlichen Bundesstaaten Chihuahua, Zacatecas und Durango zusammengeschlossen, die in ihrer Not sofortige und umfassende Hilfsmaßnahmen fordern.
Allein im vergangenen Jahr gingen in dieser Region über eine Million Hektar landwirtschaftlicher Erzeugnisse verloren und 42.000 Nutztiere zugrunde. Diese Verluste haben in Verbindung mit dramatisch steigenden Lebensmittelpreisen dazu geführt, dass ohnehin chronisch unterernährte Teile der armen Landbevölkerung nun vom Tod bedroht sind.
Die Karawane erreichte am 22. Januar die Hauptstadt und errichtete ein Lager vor dem Landwirtschaftsministerium, um in einem ersten Schritt gegen das Veto Präsident Felipe Calderóns zu protestieren, der einen Gesetzentwurf zur Unterstützung notleidender Agrarregionen blockiert hat.
Hungersnot trifft Ureinwohner
Erste Opfer der Hungersnot sind die indigenen Tarahuamara in Chihuahua, die aufgrund explodierender Preise selbst die einfachsten Nahrungsmittel nicht mehr bezahlen können. Seit einigen Tagen kursiert eine Videobotschaft im ganzen Land, der zufolge bis Ende Dezember sechs Mitglieder einer Gemeinschaft verhungert sind und sich 50 weitere von einer Felsklippe gestürzt oder erhängt haben, weil sie sich und ihre Familien nicht mehr ernähren konnten.
Während diese erschütternde Nachricht zahlreiche Aufrufe von Hilfsorganisationen und Spenden von weither zur Folge hatte, bestreitet die Regierung des Bundesstaats eine humanitäre Krise und behauptet, der Bericht sei von »skrupellosen Außenstehenden« lanciert worden.
Demgegenüber haben soziale Netzwerke im Gefolge der schwersten Dürre, die den Norden Mexikos seit 70 Jahren heimgesucht hat, immer wieder die ausweglose Lage dieser Menschen zur Sprache gebracht, die nicht weniger bedeutet, als dass die rund 200.000 Tarahumara seit langem ins Elend getrieben und dort ihrem Schicksal überlassen werden, welches Unterernährung und Tod heißt.
Wie katastrophal sich die Versorgungslage in Mexiko entwickelt, mag der Umstand unterstreichen, dass in jüngster Zeit das Grundnahrungsmittel Bohnen in vielen Landesteilen überhaupt nicht mehr erhältlich ist. Wo es aber noch Bohnen gibt, hat sich ihr Preis im vergangenen Jahr verdoppelt. Die Kosten für einen zu statistischen Zwecken zusammengestellten Warenkorb mit Grundnahrungsmitteln wie Bohnen, Tortillas, Speiseöl sowie etwas Fleisch und Milchprodukten hat sich 2011 um nicht weniger als 45 Prozent verteuert, wobei die Preise seit Oktober um 35 Prozent gestiegen sind.
Zahllose Mexikaner können sich eine angemessene Ernährung selbst auf schlichtestem Niveau inzwischen nicht mehr leisten. Wenngleich die ländlichen Regionen im Norden und dort wiederum die indígenen Völker am schwersten betroffen sind, gelten doch selbst im vergleichsweise wohlhabenden industrialisierten Bundesstaat Nuevo León rund zwei Millionen Menschen als chronisch unterernährt.
Dessen ungeachtet bestritt Wirtschaftsminister Bruno Ferrari noch vor wenigen Tagen, dass es eine Versorgungskrise gibt. Mit der fadenscheinigen Behauptung, es sei schwierig, einen »gerechten Preis« festzulegen, lehnte er die Einführung von Preisobergrenzen für Grundnahrungsmittel ab.
Senator Alberto Cárdenas, der Vorsitzende des Agrarausschusses, wies kürzlich darauf hin, dass Mexiko zu den weltweit führenden Agrarexporteuren gehöre. So seien 2011 Nahrungsmittel im Wert von mehr als 21 Milliarden US-Dollar ausgeführt worden. Es sei absurd, Mexiko wegen Mangels an Lebensmitteln eine nahe Zukunft als gescheiterter Staat zu prognostizieren. Das Gegenteil sei der Fall, da man mit Hilfe fortgeschrittener Technologie die Produktivität weiter steigern werde.
Kleinbauern vertrieben
Was in Mexiko produziert wird und wer davon profitiert, bestimmen längst transnationale Agrokonzerne wie Archer Daniels Midland, Monsanto, Cargill, Nestlé und Bunge Ltd., die massiv investiert haben und steuerlich bevorzugt werden. Mit ihrer Finanzkraft und überlegenen Technologie vertreiben sie unablässig Kleinbauern, die in die Elendsquartiere der Städte abwandern oder ihr Heil auf dem großen Marsch nach Norden suchen.
Einzelne Konzerne sind de facto Monopolisten und liefern Grundnahrungsmittel wie Mais der Spekulation auf den internationalen Rohstoffmärkten aus. Mit Steuergeldern subventioniert produzieren ausländische Unternehmen Ethanol und andere profitable Erzeugnisse für den Export, während wachsende Teile der Bevölkerung Mexikos hungern.
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