Para­guay: Car­peros kämpfen für Lebensgrundlagen

Samstag, 04. Februar 2012 | Paraguay |

Land­kon­flikt an Grenze zu Bra­si­lien spitzt sich zu. Von Andreas Knobloch – jun­ge­Welt vom 04.02.2012

Alto-Parano-e-ItapuaDie seit langem lau­fenden Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen »Bra­si­gu­ayos«, aus Bra­si­lien ein­ge­wan­derten Far­mern, und Land­losen an Para­guays Grenze zu Bra­si­lien spitzen sich weiter zu. Die nach dem spa­ni­schen Wort für Zelt »Car­peros« genannten Land­losen Para­guays for­dern ein Ein­greifen der UNO zur Lösung des Konflikts.

Bereits am Montag hatten sie per Peti­tion die Regie­rung in Asun­ción auf­ge­for­dert, die Armee zu schi­cken, um das umstrit­tene Gebiet als Staats­ei­gentum zurück­zu­for­dern und unter den Land­losen zu ver­teilen. Dies lehnte das Kabi­nett von Prä­si­dent Fer­nando Lugo jedoch ab. Bei dem Streit geht es um eine 167 Hektar große Fläche in der Region Ñacunday in Alto Paraná an der bra­si­lia­ni­schen Grenze. Nach Mei­nung der Land­losen besetzen die Bra­si­gu­ayos dieses wider­recht­lich. Es handle sich um öffent­li­ches Gebiet, das unter das 2007 in Kraft getre­tene »Grenz­ge­setz« fällt. Danach ist es Aus­län­dern ver­boten, in einem 50 Kilo­meter breiten Streifen an Para­guays Grenzen Land zu besitzen oder zu bestellen. Eine der Haupt­fi­guren in dem Kon­flikt, der bra­si­lia­ni­sche Soja­pro­du­zent Tran­quilo Favero, streitet dagegen ab, daß es sich um »fis­ka­li­sches« Land handle. Er habe es vor mehr als vierzig Jahren erworben, also noch wäh­rend der Regie­rungs­zeit des 1989 ent­mach­teten Dik­ta­tors Alfred Stroessner. Die Land­losen bezeich­nete der auch als »Soja­könig« titu­lierte Unter­nehmer als »Ban­diten, die nichts zu ver­lieren haben«.

»Wir kam­pieren hier unter pre­kären Bedin­gungen, ohne Wasser, ohne Strom, ohne aus­rei­chend Lebens­mittel und ohne Hilfe der Regie­rung«, erklärte dagegen Vic­to­rino Lopez Car­dozo, einer der Führer der Land­losen, gegen­über der bra­si­lia­ni­schen Tages­zei­tung O Globo. In dem Camp aus Bara­cken und Zelten unweit der Besit­zungen der Bra­si­gu­ayos leben der­zeit rund zehn­tau­send Car­peros, dar­unter zwei­tau­send Kinder. Es gibt weder Schulen noch Gesund­heits­posten. In den ver­gan­genen Tagen wurde über die Ankunft wei­terer Land­loser und eine mög­liche gewalt­same Beset­zung spe­ku­liert. »Wenn mehr Leute hier auf­tau­chen, könnten wir die Kon­trolle über die Situa­tion ver­lieren. Wir wissen nicht, was dann pas­siert«, so Lopez Cardozo.

Die Lage ist ange­spannt. Immer wieder kommt es zu gewalt­samen Aus­ein­an­der­set­zungen. Am Mitt­woch wurde ein Dut­zend Land­lose fest­ge­nommen, als diese ver­suchten, in die Poli­zei­sta­tion in der Ort­schaft Curu­guaty ein­zu­dringen. Es gab meh­rere Ver­letzte durch Gum­mi­ge­schosse. Auf der anderen Seite haben die Bra­si­gu­ayos ange­fangen, bewaff­nete Männer anzuheuern.

Para­guays Regie­rung erklärte, die Sicher­heit der Bra­si­lianer zu schützen. Gerichte müßten klären, wem das Land gehöre. »Die Regie­rung kann weder Land ver­teilen noch weg­nehmen, dies muß auf juris­ti­schem Weg geklärt werden«, so Miguel López Perito, Kabi­netts­chef der Regie­rung Fer­nando Lugo. Man werde dem Druck der Land­losen nicht nach­geben und das Pri­vat­ei­gentum schützen. Eine Kom­mis­sion solle ein­ge­richtet werden, um zwi­schen beiden Seiten zu ver­mit­teln. Auch die bra­si­lia­ni­sche Regie­rung beob­achtet den sich zuspit­zenden Kon­flikt.
Die Menge der Car­peros ist im ver­gan­genen Jahr schnell gewachsen.

Die Grup­pie­rung zeichnet sich durch eine radi­ka­lere Wort­wahl und ein gewalt­sa­meres Vor­gehen als die meisten anderen sozialen Bewe­gungen in Para­guay aus. Vor­bild für die Beset­zungen sind jene der Land­lo­sen­be­we­gung MST in Bra­si­lien. Ande­rer­seits: In Para­guay leben unge­fähr eine halbe Mil­lion Bra­si­lianer oder Para­gu­ayer mit bra­si­lia­ni­schen Wur­zeln. Viele von ihnen sind seit Jahr­zehnten im Land und haben großen Ein­fluß im Agri­bus­i­ness, einem der Ent­wick­lungs­mo­toren der Republik.

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