Puerto Rico: An sau­beren Ener­gien scheiden sich die Geister – Stand­ort­wahl umstritten

Donnerstag, 02. Februar 2012 | Puerto Rico |

eolica-windkraft-brasilienVon Car­melo Ruiz-​Marrero — San Juan – IPS

Die Regie­rung des Frei­staats Puerto Rico hat sich eine Ver­rin­ge­rung der Ener­gie­kosten durch den Ausbau der Erdgas– und Wind­kraft­pro­duk­tion zum Ziel gesetzt. Doch die Groß­pro­jekte stoßen auf Wider­stand. Umstritten sind die geplante Erd­gas­lei­tung und der Wind­park vor allem wegen ihres Ver­laufs bezie­hungs­weise ihrer Standortwahl.

So soll die Erd­gas­lei­tung von der Süd­küste über den zen­tralen Gebirgszug und durch ein ökolo­gisch sen­si­bles Karst­ge­biet bis zur Haupt­stadt San Juan im Norden des Landes ver­legt werden.

‘Grüné Pipe­line’ oder ‘Todesrohr’?

Was die zustän­dige Elek­tri­zi­täts­be­hörde AEE als ‘grüné Pipe­line’ ver­marktet, brand­marken die Gegner als ‘Todes­rohr’. Die AEE hält zwar das Monopol auf die lokale Ener­gie­pro­duk­tion, kauft aber seit den 1990er Jahren auch Strom aus pri­vaten Quellen ein.

Der Groß­teil der vom Staat bereit­ge­stellten Energie stammt aus Wär­me­kraft­werken, die mit Die­sel­kraft­stoffen aus Schweröl ange­trieben werden. Erdgas sei sau­berer und preis­werter und setze zudem deut­lich weniger Treib­haus­gase frei, unter­streich die AEE.

Arturo Massol Deya, Pro­fessor an der Uni­ver­sität von Puerto Rico, gehört zu den erklärten Geg­nern der Erd­gas­lei­tung. Seiner Mei­nung nach führt sie ledig­lich dazu, den Teufel (Erdöl) mit dem Beel­zebub (Erdgas) aus­zu­treiben. Dabei gäbe es genü­gend erneu­er­bare Ener­gien wie Sonne, Wind und Was­ser­kraft, um den Ener­gie­be­darf der Insel­be­wohner zu decken.

Massol Deya ist Spre­cher von ‘Casa Pueblo’, einer Gemein­de­or­ga­ni­sa­tion mit Sitz in der Ort­schaft Adjuntas, durch die die geplante Pipe­line ver­laufen soll. Die Mit­glieder sind zum einen aus Sicher­heits­gründen gegen die Lei­tung – in der gesamten Region kommt es häufig zu schweren Über­schwem­mungen – zum anderen würde der Umstieg von Erdöl auf Erdgas gerade einmal zu Ein­spa­rungen von einem Pro­zent Kilo­watt­stunden führen.

Grund­sätz­lich hat Casa Pueblo nichts gegen einen Umstieg auf den alter­na­tiven Ener­gie­träger Erdgas. Die Gruppe ist jedoch der Ansicht, dass durch eine Kom­bi­na­tion aus Wärme– und Erd­gas­ver­sor­gung der Bau der Lei­tung über die ganze Insel hinweg über­flüssig wäre. Das seit dem Jahr 2000 in Puerto Rico ope­rie­rende Ener­gie­un­ter­nehmen ‘Eco­Eléc­trica’ befindet sich keine zwei Kilo­meter vom AEE-​Wärmekraftwerk ent­fernt, das 30 Pro­zent des Ener­gie­be­darfs des Frei­staates deckt.

Kleiner Ein­griff mit großer Wirkung

»Die Süd­küste mit Erdgas zu ver­sorgen, würde keine großen Ver­än­de­rungen erfor­der­lich machen«, betont die Geo­grafin Alexis Dra­goni. »Viel­mehr müssten nur die AEE-​Verbrennungsöfen aus­ge­tauscht werden.« Die Kraft­werks­um­stel­lung würde den Strom­ver­sorger befä­higen, min­des­tens 43 Pro­zent seines Stroms aus Gas zu erzeugen, ohne dass der Bau der Gas­lei­tung erfor­der­lich wäre.

Eco­Eléc­trica hat bereits eine Pipe­line ver­legt, die Gas zur Süd­küste trans­por­tiert. Fehlt nur noch die Fer­tig­stel­lung eines 50 Meter langen End­ab­schnitts.
Die umstrit­tene neue Gas­lei­tung soll die spa­ni­sche Firma ‘Gas Natural Fenosa’ bauen, die dem US-​Konzern ‘Enron’ 2003 die Firma Eco­Eléc­trica abge­kauft hatte.
Casa Pueblo sieht in dem Ausbau der Son­nen­en­ergie die beste Lösung für Puerto Rico. Bisher decken erneu­er­bare Ener­gien nur einen Bruch­teil der im Frei­staat benö­tigen Energie. Was­ser­kraft bedient 1,8 Pro­zent der insu­laren Nachfrage.

Die Pläné, in Santa Isabel einen Wind­park zu errichten, hat in der Region zur Grün­dung der Bäu­er­li­chen Wider­stands­front (FRA) geführt. Die FRA will die Fer­tig­stel­lung eines im November ange­lau­fenen Pro­jekts der US-​Firma ‘Pat­tern Energy Cor­po­ra­tion’ inmitten eines frucht­baren Flach­land­ge­biets im Süden der Insel ver­hin­dern. Auf einer Fläche von 1.400 Hektar sollen 44 bis 65 Wind­mühlen ent­stehen, die nach Aus­sagen von Pat­tern nach ihrer Fer­tig­stel­lung 75 Mega­watt Strom für 25.000 Haus­halte erzeugen werden.

Wie die FRA-​Aktivistin Karla Acosta erklärte, wurden sowohl die Tröpf­chen­be­wäs­se­rungs­sys­teme in der Region als auch die oberste Erd­schicht zer­stört. »Wir ver­lieren unsere besten Böden«, kri­ti­siert sie. FRA ver­weist zudem auf den US-​amerikanischen Agrar­zensus, dem­zu­folge Puerto Rico allein in den Jahren 2002 bis 2007 19 Pro­zent seines Agrar­lands ver­loren hat. Und Myrna Covas, Wis­sen­schaft­lerin an der Uni­ver­sität von Puerto Rico, stellt in einer Studie über die Ernäh­rungs­si­cher­heit der Insu­laner fest, dass die örtli­chen Bauern gerade einmal 15 Pro­zent des lan­des­weiten Nah­rungs­mit­tel­be­darfs decken. Der Rest muss impor­tiert werden.

Experten fürchten um die Ernäh­rungs­si­cher­heit Puerto Ricos. Schon jetzt ist die Bevöl­ke­rungs­dichte von 350 Ein­woh­nern pro Qua­drat­ki­lo­meter Land extrem hoch und wird ange­sichts des erwar­teten Bevöl­ke­rungs­wachs­tums noch weiter zunehmen. Die Land­wirt­schaft in Santa Isabel erwirt­schaftet jedes Jahr 30 Mil­lionen US-​Dollar und beschäf­tigt 3.000 Men­schen, so der Vor­sit­zende des Bau­ern­ver­bands, Ramón González.

»Wir sollten nicht auch noch das biss­chen Land zer­stören, das uns ernährt«, meint die FRA-​Sprecherin María Viggiano. »Wir schlagen vor, dass die Wind­mühlen in indus­tria­li­sierten Gebieten auf­ge­baut werden, die keinen land­wirt­schaft­li­chen Wert besitzen.«

Sáez Cin­trón von der Koali­tion zum Schutz der Tro­cken­wälder von Guá­nica ist grund­sätz­lich gegen die Instal­la­tion von Wind­mühlen in der Nähe von Wäl­dern. Nach Ansicht von Luis Sil­vestre von der Orni­tho­lo­gi­schen Gesell­schaft von Puerto Rico könnten die Men­schen im Lande ihren Ener­gie­be­darf erheb­lich ein­schränken und dadurch Kosten sparen.

Links:
http://​eco​elec​trica​.com/​e​c​o​e​l​e​c​t​r​i​ca/
http://​www​.gas​na​tu​ral​fenosa​.com/​e​s​/​1​2​8​5​3​3​8​5​0​1​6​1​2​/​i​n​i​c​i​o​.​h​tml
http://​fra​pu​er​to​rico​.word​press​.com/
http://​coali​ci​on​ven​ta​nas​ver​raco​.org/
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