Süd­ame­rika: Wetter hält den Cono Sur im Griff

Mittwoch, 29. Februar 2012 | Hintergrundberichte u. Analyse |

Von Ben­jamin Beutler – Blick­punkt Lateinamerika
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Fluten in Boli­vien. Foto: flickr, Neil Palmer (CIAT) Inter­na­tional Center for Tro­pical Agriculture.

In meh­reren Län­dern des Cono Sur wurde wegen hef­tiger Regen­fälle der Not­stand aus­ge­rufen. Betroffen vom Wet­ter­phä­nomen La Niña sind weite Teile von Bra­si­lien, Peru, Ecuador, Boli­vien, Para­guay und Uru­guay. Die Straßen der Provinz-​Stadt Cobija sind nur noch per Ruder­boot befahrbar. Stehen Bauern und Händ­lern die Haare zu Berge können sich die Kinder freuen. 4500 Jungen und Mäd­chen bleiben seit Don­nerstag daheim, es gibt Schulfrei.

Bereits am Mitt­woch hatte Prä­si­dent Evo Morales wegen anhal­tender Regen­fälle den »natio­nalen Not­stand« erklärt. In mehr als 120 Gemeinden des Anden­landes sind über 10000 Fami­lien von den Was­ser­massen betroffen, vor allem in den Depar­t­a­mentos La Paz, Cochabamba, Beni und Pando wurden ganze Stadt­teile über­flutet und unbe­wohnbar, so Behörden. Allen Ortens sind Flüsse über die Ufer getreten, Brü­cken und Straßen zer­stört und weg­ge­schwemmt. Felder stehen unter Wasser, Kar­tof­feln, Quinoa und Hafer ver­schim­meln. Die Not­stands­regel erlaubt nun schnelle Hilfe von der Zen­tral­re­gie­rung in La Paz, 1700 Tonnen Decken, Zelte, Medi­ka­mente, Lebens­mittel und Trink­wasser sowie 40 Mil­lionen Boli­vi­anos (4,3 Mil­lionen Euro) wurden bereit­ge­stellt. Zudem wurde ein Wiederaufbau-​Programm ange­kün­digt. Langsam nur geht der hohe Was­ser­stand des Acre-​Flusses zurück.

Behörden melden Land unter

Auch das Nach­bar­land Bra­si­lien ver­meldet seit Anfang Januar Land unter. In Rio de Janeiro war ein Damm unter den Was­ser­massen zusam­men­ge­bro­chen, 500 Fami­lien mussten eva­ku­iert werden. Im Bun­des­staat Minas Gerais wurden hun­derte Häuser zer­stört, 17 Men­schen ertranken in den Fluten. In Espírito Santo mussten über 17000 Men­schen die Flucht antreten, so dass Prä­si­dentin Dilma Rous­seff die Auf­stel­lung einer Spezial-​Katastrophenschutz-​Truppe ver­sprach. Ollanta Humala, ihr Amts­kol­lege aus Peru, kämpft eben­falls gegen das Nass von oben. Selbst über Lima, wo es nor­ma­ler­weise kaum regnet, ent­leerten sich die Wolken, was zu Über­schwem­mungen von Kel­lern, Straßen und Häu­sern führte. In Tru­jillo, rund 570 Kilo­meter nörd­lich der Haupt­stadt, reg­nete es geschla­gene 15 Stunden im Schnitt neun Liter pro Qua­drat­meter. An der Grenze zu Boli­vien im Depar­t­a­mento Puno wurden zahl­reiche Gemeinden von der Außen­welt abge­schlossen, 17 Men­schen kamen ums Leben. In Ecuador wurden bei ähnli­chen Zuständen offi­zi­ellen Angaben über 20 Men­schen getötet, in meh­reren Lan­des­teilen wurde der Not­stand erklärt.

Extrem-​Klima auf allen Kontinenten

Wäh­rend die unauf­halt­baren Nie­der­schläge für viele Men­schen Chaos und Zer­stö­rung bedeuten bringt das feuchte Nass für die Land­wirt­schaft die lang ersehnte Ret­tung. In Uru­guays Agrar-​Zentren Tacua­rembó und Rivera wurde der Regen nach der langen Dür­re­pe­riode seit Ende 2011 mit Erleich­te­rung begrüßt, berichtet die Tages­zei­tung El País. Wurden etwa Europa und Asien zu Jah­res­be­ginn von einer sibi­ri­schen Käl­te­welle heim­ge­sucht, bei der allein in euro­päi­schen Län­dern 139 Men­schen ums Leben kamen, macht sich das extreme Klima dieses Jahr auch wieder in Süd­ame­rika bemerkbar. Anfang Februar hatte etwa die chi­le­ni­sche Regie­rung wegen Dürre und Hitze in meh­reren Regionen Zen­tral­chiles den »Agrar-​Notstand« aus­ge­rufen. Stau­dämme trock­neten aus und erreichten einen seit 1998 nicht gese­henen kri­ti­schen Was­ser­stand. Auch Uru­guay, das allein in den letzten zehn Jahren vier Dürren durch­machte, stöhnte unter unge­wöhn­lich hohen Tem­pe­ra­turen. Die Rekord-​Dürre von Anfang 2008 und Ende 2009 hatte in Uru­guays Land­wirt­schaft Schäden von 800 Mil­lionen US-​Dollar ver­ur­sacht, 80 Pro­zent davon in der Vieh­wirt­schaft. Auch Argen­ti­nien und Bra­si­lien litten dieses Jahr wieder unter aus­blei­benden Regen, so dass sich Sorgen über explo­die­rende Preise für Weizen, Mais und Soja breit­machten. So warnte Ein­stein Tejada von der Ernäh­rungs– und Land­wirt­schafts­or­ga­ni­sa­tion FAO vor einem »Ungleich­ge­wicht der Lebens­mit­tel­si­cher­heit auf regio­nalem Niveau«. Folgen seien mehr Armut und weniger Handel.

Ist das Wetter menschengemacht?

Der Aus­löser des extremen Wet­ters ist unklar. Gegen­über der Tages­zei­tung La República wies Mario Bide­gain, Direktor von Uru­guays Kli­main­stitut, auf Daten der letzten 30 Jahre hin. Die Sommer seien immer wärmer, macht der Experte den Kli­ma­wandel ver­ant­wort­lich. 2007 habe das Land dann den »käl­testen Winter der letzten 50 Jahre« erlebt. Die Mecha­nismen aber hat die For­schung mitt­ler­weile ver­standen. Das aktuelle Wetter-​Phänomen La Niña tritt auf, wenn kalte Was­ser­massen aus dem Süd­pa­zifik in Äqua­tor­nähe drängen. Sorgt das Gegen­phä­nomen El Niño für eine Erwär­mung an der süd­ame­ri­ka­ni­schen Küste, so bringt La Niña Abküh­lung und Nie­der­schläge. Ver­stärkter Luft­druck­un­ter­schied zwi­schen Süd­ame­rika und Indo­ne­sien sorgt im Vor­feld für küh­lere und stär­kere Winde als gewöhn­lich. Diese treiben kalte Was­ser­schichten an die Mee­res­ober­fläche, vor allem im Ost– und Zen­tral­pa­zifik. Die Ober­flä­chen­tem­pe­ratur des Was­sers ist infolge dessen um zwei Grad kälter als sonst. Das ver­stärkt das sai­son­be­dingte Wetter in der Region, in sonst tro­ckenen Gebieten bringt es weniger Regen, in Gebieten mit jah­res­zeit­li­chen Regen­pe­rioden mehr Wassermassen.

Mit freund­li­cher Abdruck­er­laubnis von Blick­punkt Lateinamerika. Danke dafür!

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