Skla­ven­ar­beit in Bra­si­lien: Die »schmut­zige Liste«

Samstag, 07. Januar 2012 | Brasilien |

BrasilienDie Wirt­schaft in Bra­si­lien wächst, doch viele Firmen nutzen ihre Mit­ar­beiter gna­denlos aus. In 294 Unter­nehmen wurde Skla­ven­ar­beit ent­deckt. Von Jürgen Vogt – Buenos Aires – taz vom 06.01.2012

In Bra­si­lien arbeiten die Men­schen unter skla­ven­ar­tigen Ver­hält­nissen in so vielen Betrieben wie nie zuvor. Auf der »schmut­zigen Liste« des Arbeits­mi­nis­te­riums stehen die Namen von 294 Arbeitgebern.

52 mehr seit der letzten Ver­öf­fent­li­chung im ver­gan­genen Jahr. Und von denen, die bereits auf der Liste standen, konnten nur zwei gestri­chen werden. “Nie zuvor hatten wir so viele irre­gulär Beschäf­tige wie gegen­wärtig.” Die Umschrei­bung von Alex­andre Rod­rigo Tei­xeira vom bra­si­lia­ni­schen Arbeits­mi­nis­te­rium klingt zunächst nach den nor­malen infor­mellen Arbeits­ver­hält­nissen in Süd­ame­rika. Doch Tei­xeiras Aus­sage bezieht sich auf die soge­nannte „schmut­zige Liste“, die seit 2005 zweimal jähr­lich vom Arbeits­mi­nis­te­rium ver­öf­fent­lich wird. Die schwarzen Schafe kommen aus den unter­schied­lichsten Bran­chen. Waren es in den Anfangs­jahren der Liste vor allem land­wirt­schaft­liche Betriebe aus dem Zucker­rohr­anbau, findet man heute auch zuneh­mend die Namen großer Bau­firmen aus den Städten unter den gelis­teten Unternehmen.

Regel­mä­ßige Stichproben

Die meisten Namen stammen noch immer aus den Bun­des­staaten Pará und Mato Grosso. Mit­ar­beiter des Arbeits­mi­nis­te­riums machen regel­mäßig Stich­proben in städ­ti­sche und länd­li­chen Betrieben auf der Suche nach men­schen­un­wür­digen Arbeitsbedingungen.

Wer nicht den Min­dest­stan­dard an hygie­ni­schen Vor­aus­set­zungen am Arbeits­platz und den oft­mals zuge­wie­senen Behau­sungen erfüllt sowie weniger als den aktu­ellen gesetz­li­chen Min­dest­lohn von 622 Reais bezahlt — umge­rechnet etwa 260 Euro — wird auf die Liste gesetzt. Nach Angaben des Arbeits­mi­nis­te­riums wurden auf diese Weise seit 2005 rund 30.000 Men­schen aus skla­ve­n­ähn­li­chen Arbeits­be­din­gungen befreit, davon allein über 2000 Per­sonen bei rund 160 Ein­sätzen in 230 Betrieben im ver­gan­genen Jahr.

Noch vor wenigen Tagen hatte die bra­si­lia­ni­sche Regie­rung ver­kündet, die Wirt­schaft des Landes habe Groß­bri­tan­nien vom sechsten Platz der Welt­rang­liste ver­drängt und werde bis 2015 auf den fünften Platz klet­tern. Die sozialen Ver­hält­nisse zeigen jedoch die Kehr­seite des seit Jahren anhal­tenden Wirt­schafts­wachs­tums. Die Kluft zwi­schen Arm und Reich ist weiter tief.

Die reichsten zehn Prozent

Noch immer haben die reichsten zehn Pro­zent der Bra­si­lia­ne­rInnen ein 39 Mal höheres Monats­ein­kommen als die zehn ärmsten Pro­zent. Damit ent­fallen 44,5 Pro­zent des gesamten Ein­kom­mens auf ein Zehntel der Bevöl­ke­rung. Die Ärmsten der Armen haben vom all­ge­meinen Anstieg der Löhne kaum profitiert.

17,7 Pro­zent der rund 190 Mil­lionen Bra­si­lianer gelten offi­ziell als arm. Die Firmen, die auf der „schmut­zigen Liste“ stehen, erhalten von den staat­li­chen Kre­dit­in­sti­tuten keine Gelder mehr. Zudem werden alle Firmen vor einer Zusam­men­ar­beit mit den ange­zeigten Betrieben gewarnt. Außerdem werden ihre Pro­dukte von den Unter­nehmen boy­kot­tiert, die sich zu einem Pakt gegen Skla­ven­ar­beit zusam­men­ge­schlossen haben.

Wer von der Liste gestri­chen werden möchte, muss die arbeits­recht­li­chen Bedin­gungen erfüllen und die ver­hängten Geld­bußen zahlen. Diese machten 2011 immerhin eine Gesamt­summe von rund 2,2 Mil­lionen Euro aus.

Quelle: – Mit freund­li­cher Erlaubnis von Jürgen Vogt und der taz, zur Wie­der­gabe hier. Danke dafür!

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