Spek­ta­ku­läre Flucht der Drogenbosse

Mittwoch, 22. Februar 2012 | Mexiko |

Mexiko: Töd­liche Prü­ge­leien im Gefängnis waren Ablen­kungs­ma­növer für Mas­sen­aus­bruch. Von Andreas Knobloch — Mexiko-​Stadt/​jun­ge­Welt vom 23.02.2012

Los ZetasDie töd­liche Aus­ein­an­der­set­zung in einem Gefängnis im Norden Mexikos war allem Anschein nach ein Ablen­kungs­ma­növer für einen Mas­sen­aus­bruch. Darauf deuten erste Ergeb­nisse der Ermitt­lungen hin. Vier­und­vierzig Men­schen waren am Sonntag in dem Hoch­si­cher­heits­ge­fängnis in Apo­cada im Bun­des­staat Nuevo León ums Leben gekommen; alle­samt Ange­hö­rige des Golfkartells.

Dagegen konnten dreißig Mit­glieder des riva­li­sie­renden Kar­tells Los Zetas ent­kommen. Hilfe erhielten sie dabei von einigen Wächtern.

Der Gefäng­nis­di­rektor, drei wei­tere höhere Beamte und acht­zehn Wärter wurden vor­läufig vom Dienst sus­pen­diert und fest­ge­nommen. »Wir können ohne Zweifel sagen, daß das vorher über­legt und geplant war«, sagte der Gou­ver­neur von Nuevo León, Rod­rigo Medina, auf einer Pres­se­kon­fe­renz am Montag. Später wurde bekannt, daß neun der Wächter ihre Kom­pli­zen­schaft mitt­ler­weile zuge­geben. Sie hatten unter anderem den Zugang zu den Zel­len­blocks erleich­tert. Die Kämpfe begannen dem­nach zwei Uhr mor­gens, als Zetas-​Mitglieder mit Stich­waffen, Steinen und Eisen­stangen Häft­linge des Golf­kar­tells atta­ckierten und tot­prü­gelten. Beide Kar­telle waren früher alli­iert, sind nach dem Bruch 2010 heute jedoch bitter ver­feindet und lie­fern sich blu­tige Aus­ein­an­der­set­zungen vor allem im Nord­wesen Mexikos.

Dreißig Zetas-​Mitglieder, dar­unter Óscar Manuel Bernal Soriano, alias »La Araña«, der mut­maß­liche Los-​Zetas-​Chef von Mon­terrey, nutzten das Durch­ein­ander und ent­kamen ohne große Mühe. Nicht zuletzt des­halb gingen die Ermittler schon sehr früh davon aus, daß sie Hilfe von drinnen hatten. Die weit­ver­brei­tete Kor­rup­tion, ein­her­ge­hend mit der Über­be­le­gung der Haft­an­stalten, begüns­tigt die immer wieder auf­tre­tende töd­liche Gewalt und Flucht hoch­ran­giger Kar­tell­mit­glieder. Die wohl spek­ta­ku­lärste gelang dem heute mäch­tigsten Dro­genboß, dem Chef des Sinaloa-​Kartells, Joa­quin »El Chapo« Guzman. Er entkam 2001 in einem Wäsche­korb aus einem Hoch­si­cher­heits­ge­fängnis, gerade recht­zeitig bevor er in die USA aus­ge­lie­fert werden konnte. Im August 2010 wurde der Direktor eines Gefäng­nisses in Gomez Palacio im Zen­trum Mexikos fest­ge­nommen. Er hatte den Insassen ermög­licht, sich von den Wäch­tern Waffen zu borgen, nachts raus­zu­gehen und Auf­trags­morde zu ver­üben. Im Dezember des­selben Jahres flüch­teten 140 Häft­linge aus einem Gefängnis im Bun­des­staat Tamau­lipas; die Auf­seher waren ver­schwunden. Und 2009 schauten die Wächter in einem Gefängnis in Zaca­tecas see­len­ruhig zu, als 53 Insassen in die Frei­heit spazierten.

Mexikos jün­gere Geschichte ist zudem voll von Gefäng­nis­meu­te­reien und töd­li­chen Kämpfen inner­halb der Haft­an­stalten. Vor sechs Wochen kamen bei Aus­ein­an­der­set­zungen in einem Gefängnis in Tamau­lipas 31 Men­schen um; im ver­gan­genen Sommer ver­loren in Ciudad Juárez bei einem Zusam­men­stoß mit Schuß­waffen sieb­zehn Häft­linge ihr Leben. Eine kom­plette Auf­lis­tung würde Seiten füllen.Die Ereig­nisse vom Wochen­ende in Apo­daca aber sind der schwerste Zwi­schen­fall der letzten 25 Jahre – mit einem ent­spre­chenden Medi­en­echo über die Grenzen Mexikos hinaus.

Aber die Regie­rung ver­breitet Opti­mismus. Erst am Sonntag ver­kün­dete Prä­si­dent Felipe Cal­derón auf einer Jubi­lä­ums­ver­an­stal­tung der Streit­kräfte, zum ersten Mal sei »ein Rück­gang der Gewalt« zu ver­zeichnen. Es ist schließ­lich Wahljahr.

Mit freund­li­cher Abdruck­er­laubnis der jun­ge­Welt. Danke dafür!

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